Jens HirtVon

Wie ein Russlanddeutscher aus Sibirien in Südbaden erfolgreich wurde

1999 kam Alexander Maier (links im Bild) aus Nowosibirsk nach Deutschland. Jetzt ist er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Südbaden zuhause. Er arbeitet als Makler bei RE/MAX Lörrach und ist Chef der RE/MAX Büros in Rheinfelden und Konstanz. In Deutschland wurde der Aussiedler zum erfolgreichen Geschäftsmann. Im Interview mit Ostexperte.de spricht der Unternehmer über die wilden 1990er in Russland, die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Länder sowie Mentalitätsunterschiede in der Geschäftskultur.


Alexander Maier (links) und Jens Hirt (rechts) im Büro

Alexander Maier (links) und Jens Hirt (rechts) im Büro des Immobilienunternehmens RE/MAX

Jens Hirt: Alexander, Sie sind in dem kleinen Ort Belojarski in Sibirien aufgewachsen. Jetzt sitzen Sie in Lörrach vor mir (Dreiländereck südlich von Freiburg im Breisgau). Was waren die ersten Schritte auf dieser Lebensreise?

Alexander Maier: Meine Eltern haben mich mit 17 aus unserem Zuhause rausgeschmissen. Meine Schwester war sogar erst 15. Das war damals das Beste was uns passieren konnte, weil man dann einfach gezwungen war, früher auf die eigenen Beine zu kommen.

Muss man in Russland früher anfangen?

Ja, man muss definitiv früher erwachsen werden. Man ist auch schon zwei Jahre früher mit der Schule fertig. Und wegen der Distanzen kann man nur selten nachhause kommen. Ich sah meine Eltern nur zweimal im Jahr. Das macht viel aus.

Wir werden von Alexanders Telefon unterbrochen. Er entschuldigt sich: „Geschäfte gehen vor.“ Nach wenigen Minuten geht es weiter.

Meine Mutter hat sich mit uns Kindern also in einen Flieger gesetzt und ist mit uns nach Nowosibirsk geflogen, da dort die nächste Universität war. Das war eine Flugzeit von 4 Stunden. In Russland ist das um die Ecke. Ich war beeindruckt von der 1,5 Millionen-Stadt, denn ich kannte ja nur unseren Ort. Das war ein kleines Gazprom-Städtchen. Ich hab mich dann für „Finanzen und Bankgeschäfte“ eingeschrieben. Meine Schwester ist in eine Berufsschule für Kindererziehung eingetreten.

Das war Anfang der 1990er. In Russland eine sehr spannende Zeit nach Glasnost und Perestroika.

“Das war natürlich auch gefährlich, mitunter wurden Leute auf der Straße erschossen.”

Ja. Die Zeit war eine grandiose einmalige Zeit für Russland. Die Staatswirtschaft wurde durch Marktwirtschaft ersetzt. Man hat gesagt „Jetzt wollen wir Kapitalismus.“ Davor hat der Staat 75 Jahre lang absolut alles bestimmt. Jetzt kam es zur Aufteilung des Staatseigentums in Privateigentum. Es war ein Niemandsland in jedem Bereich. Das war natürlich auch gefährlich, mitunter wurden Leute auf der Straße erschossen. Zugleich sind innerhalb kürzester Zeit viele Leute zu Milliardären geworden, da sie zum Beispiel schnell genug waren, sich Fabriken anzueignen. Und genau in der Zeit kamen wir in die sibirische Metropole.

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Damals wurde auch die Jugendszene sehr aktiv. Überall gab es Bands, neue Clubs haben aufgemacht. Es gab davor keine Dienstleistung dieser Art. Man konnte ja noch nicht mal vernünftig Essen kaufen. Es galt nur, die richtige Lücke zu finden, und man war der erste. Zunächst sogar konkurrenzlos. Ich habe also eine Band namens „Life“ gegründet.

Rockmusik?

“Die neue kapitalistische Jugend wollte keine Rockmusik mehr hören. Techno und House waren neu.”

Nein, das haben schon andere gemacht und das gab es auch schon die Jahrzehnte davor. Die neue kapitalistische Jugend wollte keine Rockmusik mehr hören. Techno und House waren neu. Als wir mit unseren ersten zehn oder zwölf Tracks rauskamen, waren wir die ersten in Sibirien, die so etwas angeboten haben. Wir haben Verträge in Moskau bekommen, unsere Musik wurde, damals noch auf Kassette, in ganz Russland kopiert. Alles, was Hand und Fuß hatte, wurde zu Gold. Wir verdienten in einer halben Stunde mehr als viele Leute im Monat. Natürlich nicht in Rubel und auch nicht mit Banküberweisung. In Russland wurde damals nur Cash in Dollar bezahlt.

Ein Finanzamt gab es wohl nicht?

Es war eine wilde Zeit.

Trotzdem sind Sie von Russland nach Deutschland übergesiedelt. Weshalb?

“Das russische Studium war theoretisch gut gewesen. Es hatte aber kein praktisches Fundament.”

1999 war mein Studium beendet. Ich war 21 Jahre alt. Mein Vater hat mich damals angerufen: „Hast du einen Job? Was hast du vor?“ Ich wusste es nicht genau. Mein Vater sagte also: „Wir sind von der deutschen Regierung eingeladen worden, nach Deutschland überzusiedeln. Die wollen alle Deutschen zusammenrufen, damit das Land weiter floriert. Wir sollten das ausprobieren.“ Also sind wir zunächst nach Erfurt gegangen. Dort habe ich ein Versicherungsbüro mit fünf Mitarbeitern gegründet. 2001 wollte ich aber nochmal BWL studieren. Das russische Studium war theoretisch gut gewesen. Es hatte aber kein praktisches Fundament. In Russland begann man ja erst damit, so etwas wie ein Bankenwesen zu etablieren.

Dann habt Ihr also das zweite Mal auf unbekannten Terrain ein neues Leben begonnen? Wie sind Sie in Deutschland aufgenommen worden? Es gab ja damals sehr viele Aussiedler, über 2 Millionen.

“Du bist wie ein Ferrari ohne Reifen. Gibst immer Gas, aber kommst nicht von der Stelle.”

Ich bin sehr gut aufgenommen worden. Ein Problem war natürlich die Sprache. Aber alles hängt immer nur von dir selbst ab. Bist du offen? Wie begegnest du den Leuten? Positiv oder negativ? Offen oder misstrauisch? Der richtige Horror war allerdings die Arbeitssuche nach dem Studium. Die Unternehmen wollten keine reinen Theoretiker einstellen. Hätte ich ein duales Studium absolviert, wäre es vielleicht einfacher gewesen. Nach vielen Absagen fand ich eine endlich Arbeit als Einkäufer bei der Verlagsgruppe Weltbild. Aber nur kurz. Denen hatte ich eine zu große Klappe. Mir wiederum waren sie zu konservativ. Die haben gesagt: „Du bist wie ein Ferrari ohne Reifen. Gibst immer Gas, aber kommst nicht von der Stelle.“

Dann wurden Sie Immobilienmakler in Südbaden?

Nein. Vorher hatte mich noch Media Markt bei Xing gefunden. Die wollten sich in Russland etablieren und denen gefiel mein Werdegang. Also gut. Da bin ich mit der kompletten Familie nochmal nach Russland umgezogen. Ich habe an der Expansionsgestaltung von Media Märkten in allen Städten über 1. Mio. Einwohner gearbeitet, begonnen mit Moskau und St. Petersburg.

Sie waren also schon verheiratet damals? Haben Sie russisch oder deutsch geheiratet?

“Für eine russische Hochzeit brauchst Du auch viel Geld. Es gibt deshalb eine Wedding-Managerin, deren Aufgabe es vor allem ist, die Taschen des jungen Paars zu füllen.”

Meine Frau Marina habe ich auf einer Veranstaltung für Russlanddeutsche in Leipzig kennen gelernt. Geheiratet haben wir 2006. Das war eine eher russische Hochzeit. Sie ging drei Tage lang. Dabei kommst Du nie zum Sitzen, Du bist die ganze Zeit aktiv. Für eine russische Hochzeit brauchst Du auch viel Geld. Es gibt deshalb eine Wedding-Managerin, deren Aufgabe es vor allem ist, die Taschen des jungen Paars zu füllen. Die Gäste waren gemischt und den Deutschen hat es auch super gefallen.

Wer feiert besser, die Russen oder die Deutschen? (Anm. d. Autors: Ich habe selbst ein Jahr lang die Bars auf einer der größten russischen Partys im Berliner „Metropol“ organisiert.)

Die Deutschen sind ja auch bekannt für ihre Feste. Bei den Russen ist es allerdings noch etwas anderes. Die Russen haben ja immer gelitten. Kriege, schwere Lebensumstände, harte Arbeit. Deshalb lassen Russen beim Feiern noch mehr Emotion raus. Mir steht die russische Kultur immer noch sehr nah. Die Musik, die Filme, die Sprache. Alles was ich mit der Muttermilch eingesogen habe.

Zurück zum Geschäftlichen. Wo gibt es da Mentalitätsunterschiede?

“Die deutsche Mentalität ist für Geschäfte die beste Mentalität, die es auf der Welt gibt.”

Die deutsche Mentalität ist für Geschäfte die beste Mentalität, die es auf der Welt gibt. Man hat auf dem etablierten deutschen Markt zwar weniger Möglichkeiten schnell aufzusteigen. Aber alles beruht auf sehr guten Werten, auf langfristigen Visionen. Deshalb werden die Geschäfte hier offen, transparent und vor allem verbindlich durchgeführt. Deshalb ist es hier einfach. Mittlerweile habe ich manchmal eher Schwierigkeiten, mit Russen Geschäfte zu machen. Wir haben in der Region Südbaden anfangs auch versucht, Immobilien an russische Investoren zu verkaufen. Wir organisierten Meetings und Termine zwei Wochen vorher. Die wussten dann aber drei Tage vorher nichts mehr davon. Man habe ja nicht noch mehrfach angerufen, um das Ganze zu bestätigen. Jetzt habe man kein Interesse mehr. Wenn sich alles ständig ändert, macht das Geschäfte natürlich kompliziert.

Was muss man beachten um speziell hier in der Südbadischen Region im Immobiliengeschäft erfolgreich zu sein?

Zwei Faktoren sind für mich entscheidend. Das erste ist die freundliche, offene und direkte Art zu kommunizieren. Denn bei Immobiliengeschäften zählt vor allem Vertrauen. Das zweite ist der Fleiß. Das bedeutet auch, immer erreichbar zu sein, keinen geregelten Arbeitszeiten zu haben und immer selbst aktiv zu werden. Dann ist es eigentlich ein einfaches Business, in dem jeder erfolgreich sein kann.

Zum Abschluss. Was halten Sie von der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und in Russland?

“Deshalb ist der aktuelle Preisverfall in diesem Sektor vielleicht sogar eine große Chance für die russische Wirtschaft.”

Die deutsche Wirtschaft floriert. Gerade hier bei uns in der Gegend geht es den Menschen und den Unternehmen gut. Ich kann mich nicht erinnern, dass es auf dem Markt, auf dem wir gerade aktiv sind, jemals so gut ging.

Die russische Entwicklung ist hingegen recht einseitig. Man ist von Bodenschätzen abhängig. Putin hat oft gesagt, dass eine Krise in diesem Bereich, Russland sogar nach vorne bringen würde. Eine Wirtschaft ist ja wie ein Organismus. Wenn etwas nicht funktioniert, müssen neue Wege gefunden werden. Wenn man nichts zu essen hat, wird man erfinderisch. Deshalb ist der aktuelle Preisverfall in diesem Sektor vielleicht sogar eine große Chance für die russische Wirtschaft. Zudem in Öl und Gas auch nicht die Zukunft liegt.

Wo könnten die Stärken liegen?

Russland verfügt über hervorragende Wissenschaft und Forschung. Dafür muss man allerdings noch viel verbessern, vor allem was Rechtssicherheit und Rechtsstrukturen angeht. Aber auch der Staat kontrolliert noch viel zu viel. Die mächtigsten Staatsleute sind zugleich die mächtigsten Wirtschaftsleute. Die lassen keinen Wettbewerb zu. Das ist eine Katastrophe. Es müsste mehr unternehmerische Freiheit geben. Russland ist wie ein Hochleistungsläufer mit Bleiketten an den Füßen. Da sind die EU-Sanktionen natürlich auch nicht gerade hilfreich.

Für Sie käme also momentan eine wirtschaftliche Rückkehr nach Russland nicht infrage?

Ich versuche gerade zu lernen, wie man ein Unternehmen gründet ohne selbst vor Ort zu sein. Unser Lebensmittelpunkt ist in Südbaden und das wird auch so bleiben.

Was schätzen Sie an Südbaden?

Die Menschen und ihre Werte. Ich schätze gerade auch die evangelischen Traditionen. Wir nehmen gerne an der Gemeinde teil. Und wir unternehmen viel in der Region. Wandern oder Skifahren mit den Naturfreunden.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Autor Dr. Jens Hirt

Jens Hirt
Über den Autor

ist seit 2012 Dozent an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin.

Als Wissenschaftler hat er Freude an allen Formen der Kommunikation und beobachtet neugierig Entwicklungen in diesem Sektor. Jens Hirt unterrichtet an Universitäten und gibt Trainings in der Wirtschaft. Zu seinen Spezialgebieten zählen Medien- und Kommunikationswissenschaft, Marketing, sowie multisensorische und kognitive Kommunikation.

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Sven Fabian
Sven Fabian

Eine spannende Lebensgeschichte. Interessant, dass Gorbatschow auch für Maier keine Demokratie sondern Kapitalismus brachte.

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