Simon SchüttVon

Wenn das Auto die Zunge herausstreckt. Oder: welche kreativen Wege die Moskauer finden, um Strafzetteln zu entgehen

In Moskau ist das Parken im Stadtzentrum seit einigen Jahren kostenpflichtig. Doch die Moskauer haben erstaunliche Wege gefunden, sich die Parkgebühren zu sparen. Die beliebteste Methode: sie verdecken ihre Nummernschilder. Dabei gehen sie mit großer Kreativität vor. 

Wenn Sie in Moskau sind, achten Sie einmal auf die Nummernschilder der parkenden Autos. Nicht, dass diese im Normalzustand etwas Besonderes wären. Doch Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit schnell erkennen, worauf ich hinaus will. Auf gefühlt jeder zweiten Straße sehen Sie: verdeckte Nummernschilder.

Verwendet wird bei diesem Volkssport, was gerade zur Hand ist, um das Kennzeichen unkenntlich zu machen. CDs sind dabei beliebt, Zeitungen, Fußmatten, ja sogar Blätter von Bäumen sollen für kostenloses Parken sorgen. Im Winter wird gerne auch das Nummernschild vom Waschen ausgespart. Oder die Nummernschilder werden zum Parken gleich abmontiert.

Aber sehen Sie selbst:


Scanner austricksen

Falschparken in Moskau

So sehen die Wagen aus, die mit Scannern in Moskau die Parker kontrollieren.

So sollen die Parkgebühren umgangen werden. Seit einigen Jahren ist das Parken im Zentrum Moskaus nämlich kostenpflichtig. Die Stadt dehnt die Parkzonen immer weiter aus, um „die Autos auf der Straße zu halten“.

Wieso ausgerechnet die Nummernschilder abgedeckt werden, hat damit zu tun, wie kontrolliert wird: Mit Scannern ausgerüstete Wagen fahren dazu regelmäßig durch die Straßen der Hauptstadt und erfassen die Nummernschilder und gleichen diese mit einer Datenbank ab. Beim Bezahlen fürs Parken muss man nämlich das Autokennzeichen angeben. Das geht mittlerweile per Automat, Internet, App oder SMS.

Auch Kontrolleure patrouillieren durch die Stadt, aber gemessen an der Größe der Metropole ist die Wahrscheinlichkeit gering, von ihnen erwischt zu werden.

Die Strafe für Falschparken beträgt 2500 Rubel.

Schaufensterpuppen bewachen die parkenden Autos

Parken in MoskauDoch bei verdeckten Nummernschildern endet die Kreativität der Moskauer nicht. Dmitrij Ternowskij erzählt zum Beispiel folgende Geschichte auf seinem LiveJournal-Blog:

Ein Mercedes mit getönten Scheiben parkt vor einem Nobelgeschäft. Durch die Fenster sieht Ternowskij, dass auf der Rückbank jemand sitzt und schläft. Doch dann fällt ihm auf, dass sich die Person nicht bewegt. Er stutzt und wirft einen Blick durch die Windschutzscheibe und muss grinsen: Dort sitzt eine angezogene Schaufensterpuppe. Der Fahrer hat sie dort hingesetzt, damit sein Wagen nicht abgeschleppt wird. Befindet sich nämlich ein Mensch oder Haustier im Wagen, so darf er nicht abgeschleppt werden. Das sagte zumindest ein Kontrolleur gegenüber dem „Moskowskij Komsomolez“.

Illegale Abschleppwagen

Berüchtigt sind auch die Abschleppwagen, die Falschparker entführen. Illegale Abschleppwagen schleppen das Auto ab und geben es erst gegen ein hohes „Lösegeld“ frei. Doch auch dagegen habe die Moskauer Mittel gefunden (siehe Video).

Berühmtheit erlangte 2014 auch der Moskauer Konstantin Altuchow, der in seinen Pick-up sprang, der schon an der Kette des (offiziellen) Schleppers hing und sich so der Gebühr von 5000 Rubel widersetzte (hier ein Video davon). 22 Stunden, fast einen Tag, harrte Altuchow in seinem Wagen aus, bis er von der Kette gelassen wurde. Im russischen Internet wurde er dafür als „Parkman“ gefeiert.


Sind Ihnen die verdeckten Kennzeichen auch schon aufgefallen? Welche Geschichten können Sie dazu erzählen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare. 


Quellen:

Bilder: von Simon Schütt

Moskauer Deutsche Zeitung: Auf der Flucht vor dem Strafzettel (Artikel ebenfalls von Simon Schütt)

Simon Schütt
Über den Autor

ist Chefredakteur von Ostexperte.de.

Zuvor war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort. Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert.

Bei Fragen und Anregungen können Sie hier Kontakt mit ihm aufnehmen.

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Thomas
5 Monate 4 Tage her

Ein sehr interessanterArtikel. Mittlerweile lässt man sich doch einiges einfallen, um Parkgebühren einnehmen zu können.

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