Thorsten GutmannVon

Präsident der Fa. Siemens in Russland, Dr. Dietrich Möller, im Exklusiv-Interview mit Ostexperte.de

Dr. Dietrich Möller ist seit 1991 für die Siemens AG tätig. Seit April 2006 ist er CEO und Präsident von Siemens Russland sowie Senior Vice President der Siemens AG in Deutschland. Im Exklusiv-Interview mit Ostexperte.de spricht Dr. Möller über die wichtigsten Geschäftsbereiche von Siemens in Russland, die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Kasan sowie die Bemühung um eine Lokalisierung der Produktion.


Siemens in Russland
Der deutsche Konzern ist bereits seit dem 19. Jahrhundert in Russland aktiv. 1855 eröffnete Siemens eine Niederlassung in Sankt Petersburg unter Leitung von Carl Siemens. Es folgten unter anderem die Errichtung eines Kabelwerks sowie die Gründung einer Gesellschaft für elektrische Beleuchtung.

Auch in der UdSSR hat das Unternehmen zahlreiche Projekte umgesetzt. Zum Beispiel übernahm Siemens die Beratungs- und Projektierungstätigkeit beim Bau der ersten Moskauer U-Bahn, den Bau des Wassergroßkraftwerks Dnjeprostroj sowie die Lieferung einer Automatisierungsanlage für die produktivste Walzstraße der Welt in Tscherepowetz.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist Siemens dem Russlandgeschäft treu geblieben. Der Konzern übernahm den Bau von Mobilfunknetzen für MTS in Russland, die Lieferung von Medizintechnik, die Umrüstung von Kraftwerken sowie zahlreiche Infrastruktur-Projekte.

Mehr über die Geschichte von Siemens in Russland erfahren Sie auf der Website des Unternehmens.

Welches sind derzeit die wichtigsten Geschäftsbereiche für Siemens in Russland? In welchen Bereichen sehen Sie für Siemens das größte Wachstumspotenzial auf dem russischen Markt?

Siemens arbeitet in Russland in allen seinen Geschäftsfeldern und setzt Projekte in den Bereichen Energie, Industrie, Infrastuktur, Eisenbahnindustrie, im Bereich Automatisierung / Digitalisierung sowie im Gesundheitswesen mit modernster Medizintechnik um.

Wenn wir von den wichtigsten Projekten sprechen, so stehen im Fokus nach wie vor Energie- und Eisenbahnprojekte. Gerade für die Russischen Eisenbahnen haben wir landesweit mehrere lokale Produktionsstätten aufgebaut, bei Jekaterinburg eine große Fertigung für Züge und Lokomotiven „Ural Locomotives“ – ein JV mit der Sinara Group, in Sankt Petersburg – die Service-Depots „Metallostroj-1“ und „Metallostroj-2“, bei Sotchi das Depot „Adler“, in Moskau – das Depot „Podmoskownaja“, auf dessen Basis auch das Zentrum für Datenanalyse seine Tätigkeit aufgenommen hat. Hier werden die aus dem Betrieb der Schienenfahrzeuge und der Eisenbahninfrastruktur ermittelten Diagnosedaten gebündelt verarbeitet.

Die Tätigkeit der Fa. Siemens in Russland ist eng mit der Entwicklung der russischen Wirtschaft verbunden. Wir nehmen aktiv an der Modernisierung der russischen Industrie und der Infrastruktur teil. Momentan sind wir landesweit mit 10 lokalen Produktionsstätten vertreten, darunter solche Unternehmen wie „Siemens Gas Turbine Technologies“ in Gorelowo bei Sankt Petersburg und „Siemens Transformers“ in Woronesch. Dazu gehört auch die Tätigkeit in Forschungs- und Entwicklung gemeinsam mit zahlreichen Universitäten und Projekt-Instituten Russlands. In den letzten Jahren beobachten wir eine starke Entwicklung des Servicegeschäfts.

Auch in Zukunft werden wir die Zusammenarbeit mit unseren Schlüsselkunden in Russland fortzusetzen. Zum Beispiel im Bereich Eisenbahnprojekte stehen wir in sehr engem Kontakt mit der RZD. Zu den für uns interessanten Projekten gehören der Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke „Moskau-Kasan“, die Entwicklung der Eisenbahninfrastruktur der Transsibirischen Eisenbahn (Transsib) und der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) im Osten des Landes.

Im Bereich Energieerzeugung nehmen wir 2017 an großen Ausschreibungen zur Lieferung von Ausrüstung für neue Kraftwerke teil, wir arbeiten an mehreren Projekten im Bereich der Energiewirtschaft sowie der Öl- und Gasindustrie. Die enge Kooperation mit russischen Kunden und Partnern bietet gute Möglichkeiten für die weitere Entwicklung nicht nur unserer Unternehmen, sondern auch für die gesamte russische Energiebranche.

Von hohem Interesse ist die Tätigkeit in den regionalen Industriezentren Russlands. Zum Beispiel in Ufa, Kasan, Tscheboksary setzen wir gemeinsame Projekte mit unseren Kunden um. Zu unseren Prioritäten zählt der Ausbau bereits vorhandener Produktionsstätten, die weitere Lokalisierung von Produkten, die Weiterentwicklung der Produktionsprozesse und die Einführung neuer, innovativer Produkte.

Gerade die Digitalisierung in der Industrie, die wir als vierte industrielle Revolution („Industrie 4.0“) bezeichnen, wird künftig von entscheidender Bedeutung sein. Und Russland wird hier keine Ausnahme machen. Bei Siemens widmen wir den digitalen Technologien in der Produktion viel Aufmerksamkeit. Und das Interesse unserer russischen Kunden und Partner an der Schaffung digitaler Fertigungen ist bereits spürbar.

Welche Geschäftsbereiche haben am stärksten unter den Sanktionen gelitten? Inwiefern konnte sich Siemens von den Rückschlägen erholen, die durch die Russland-Sanktionen verursacht wurden?

Siemens hat eine sehr lange Geschichte in Russland. Sie reicht mehr als 160 Jahre zurück. Während dieser Zeit durchlebte das Unternehmen unterschiedliche Perioden. Trotzdem waren und bleiben wir ein lokaler Akteur. Wir erreichen das geplante Niveau der Lokalisierung, qualifizieren russische Lieferanten, setzen unsere Arbeit fort und stellen uns neuen Aufgaben und Herausforderungen.

Siemens erfüllt alle Projekt- und Vertragsverpflichtungen gegenüber seinen russischen Kunden im vollen Umfang, da diese nicht von Sanktionen betroffen sind. Natürlich halten wir uns dabei an die gesetzlichen Vorgaben und Regelungen. Allerdings spüren wir indirekt die Auswirkungen insbesondere der Finanzsanktionen, wenn Kunden ihre Projekte nicht mehr so einfach am westlichen Kapitalmarkt finanzieren können. Und natürlich hatten die Wirtschaftskrise und die Rubel-Abwertung Auswirkungen auf unser Geschäft. Wir gehen davon aus, dass diese Probleme 2017 weitgehend überwunden sind.

Vor ungefähr zehn Jahren haben wir unseren Strategie in Russland geändert und auf die Schaffung von lokalen Produktionsstätten gesetzt. Heute beträgt der Geschäftsanteil für Produkte aus lokaler Siemens-Produktion rund 40% mit steigender Tendenz. Das hat in den letzten drei Jahren sehr geholfen.

Auf welchem Stand sind die Bemühungen, die Produktion in Russland zu lokalisieren?

Wie ich bereits erwähnt habe, ist die Lokalisierung für unser Unternehmen eine der wichtigsten Entwicklungsrichtungen. Unsere Produktionsstätten sind heute im ganzen Land verteilt: In Sankt Petersburg betreiben wir die Unternehmen „Siemens Gas Turbine Technologies“ und „Siemens Elektropriwod“, bei Jekaterinburg – „Ural Locomotives“, und in Woronesh befindet sich das Werk „Siemens Transformers“.

Ein gutes Beispiel für die Lokalisierung ist die Produktion der Passagierzüge „Lastotschka“. Vertragsgemäß werden wir im Jahr 2017 ein Lokalisierungsniveau der Passagierzüge „Lastotschka“ von 80% erreichen. Es wird nur ein Fünftel der Bauteile importiert. Am Projekt sind ca. 100 russische Firmen beteiligt.

Wir beschränken uns nicht nur auf die Lokalisierung von eigenen Technologien. Im Zuge des Aufbaus von neuen Produktionsstätten entsteht ein Netz von russischen Lieferanten und Partnern, deren Produkte und Arbeitsweise den internationalen Qualitätsstandards entsprechen. Heute arbeitet Siemens in Russland mit mehr als 2.200 russischen Lieferanten zusammen und sichert damit indirekt über 47.000 Arbeitsplätze.

Wir erweitern das Netz von lokalen Lieferanten ständig. Auf diese Weise findet nicht nur der Transfer von europäischen Technologien statt, es wird Schritt für Schritt auch eine langfristige Zusammenarbeit zwischen ausländischen Investoren und lokalen Herstellern etabliert. Gerade die sukzessive Lokalisierung, die Erweiterung des Netzes von lokalen Lieferanten und der Technologietransfer erlauben es uns, auf dem russischen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wie kann Siemens in Russland von der chinesischen Initiative zur Wiederbelebung der historischen Seidenstraße profitieren?

Das Ziel der chinesischen Initiative zur Wiederbelebung der historischen Seidenstraße unter den aktuellen Bedingungen ist die Vereinfachung des Güter- und Warentransports zwischen China und den angrenzenden Ländern Asiens und Europas. Dazu gehört auch der Bau und die Modernisierung von Eisenbahnstrecken. Die Zeit für den Gütertransport von China nach Europa kann dadurch auf unter zwei Wochen verkürzt werden. Der Gütertransport auf dem Seeweg nimmt mehr als einen Monat in Anspruch. Das ist nicht nur eine riesige Zeitersparnis, sondern auch eine Kostenreduzierung.

Als weltweit führendes Unternehmen für Eisenbahntechnik ist ein solches Projekt natürlich für Siemens von Interesse. Es bietet zahlreiche Möglichkeiten für eine Ausweitung des Geschäftes, für die Auslastung unserer Produktionsstätten und somit für das weitere Wachstum des Unternehmens.

Welches Potential sieht Siemens in der Eurasischen Wirtschaftsunion?

Unser Unternehmen arbeitet weltweit und ist natürlich an einer bestimmten Vereinheitlichung der in verschiedenen Ländern geltenden Vorschriften und Regelungen interessiert. Oft sind unsere Projekte grenzüberschreitend und es ist häufig kompliziert, alle nationalen Standards und Normen einzuhalten. Gerade deswegen sind wir der Meinung, dass durch regionalen Integration nicht nur das Leben der Bürger in den jeweiligen Ländern, sondern auch unser Geschäft einfacher wird.

Wir sehen für uns in der Eurasischen Wirtschaftsunion ein hohes Potential. Nach vollständiger Etablierung des Freihandels, einheitlicher Zolltarife und einheitlicher technischer Standards wird sich unsere Tätigkeit auf den Märkten der Mitgliedsstaaten der EAWU vereinfachen.

In Expertenkreisen wird momentan die Frage nach der Vereinheitlichung von einigen EAWU- und der EU-Normen aktiv diskutiert wird. Das ist natürlich sehr zu begrüßen.

Wie ist derzeit der Stand beim geplanten Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Moskau nach Kasan? Wie soll die Strecke finanziert werden? Inwiefern wird sich Siemens im Rahmen der „Deutschen Initiative” beteiligen?

Siemens ist an einer Teilnahme am Projekt für den Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV) „Moskau-Kasan“ sehr interessiert. Derzeit arbeiten wir intensiv im Rahmen der „Deutschen HGV-Initiative“, die eine Reihe von Firmen aus den Bereichen Eisenbahntechnik, Bau und Finanzen vereinigt. Unser Unternehmen hat umfangreiche Erfahrungen aus der Umsetzung solcher Eisenbahnprojekte in zahlreichen Ländern.

Wir stehen in engem Kontakt mit der RZD über die Teilnahme an diesem Projekt. Im Rahmen der „Deutschen Initiative“ sind wir bereit, uns nicht nur als Lieferant von HGV-Zügen und Infrastrukturlösungen zu beteiligen, sondern unterstützen auch die Finanzierung dieses Großprojektes. Die Vorschläge der „Deutsche Initiative“ und von Siemens zeichnen sich insbesondere durch den hohen Grad der Lokalisierung und den umfangreichen Technologietransfer aus.

Wir verfügen bereits heute über modernste Fahrzeug-Lösungen, die auf der HGV-Strecke „Moskau-Kasan“ eingesetzt werden können. Es handelt sich um eine modernisierte Version des HGV-Zuges „Sapsan“ mit einer Geschwindigkeit bis zu 400 km/h. Im Rahmen des Projekts ist Siemens auch an der Elektrifizierung und Energieversorgung, an den Signal-, Sicherungs- und Kommunikationssystemen sowie an der Wartung der Infrastruktur und der Fahrzeuge einschließlich Depotausstattung interessiert.

Ist eine trilaterale Partnerschaft von Russland, China und Deutschland vorstellbar? Inwiefern sind die chinesischen Bestrebungen im Infrastruktur-Bereich eine Konkurrenz für Sie? Wie reagieren Sie darauf?

Siemens ist bereit, bei der Umsetzung dieses Projektes nicht nur im Rahmen der „Deutschen Initiative“ zusammenzuarbeiten. Es wird auch die Möglichkeit einer trilateralen Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern in Betracht gezogen, die wir aus Projekten in China gut kennen.

Wir stehen mit den chinesischen Firmen in vielen Ländern nicht nur im Bahn-Bereich im Wettbewerb. Die Eisenbahnindustrie ist ein ziemlich hart umkämpftes Geschäftsfeld. Zu unseren Vorteilen gehören einzigartige Technologien, Innovationen und hochqualifizierte Fachleute. Und natürlich über 160 Jahre Erfahrung in Russland.

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Moskau nach Sankt Petersburg und der S-Bahn-Ring in Moskau sind große Erfolge. Welche weiteren Pläne hat Siemens für den Personenverkehr in der Russischen Föderation in den nächsten fünf Jahren?

Russland ist das größte Eisenbahnland. 2006 haben wir den ersten Vertrag für die „Sapsan“-Züge unterzeichnet und damit den Start des Hochgeschwindigkeitsverkehrs auf der Strecke Moskau-Sankt Petersburg ermöglicht. Die Sapsan-Züge sind zum Symbol für pünktlichen, sicheren und komfortablen Hochgeschwindigkeitsverkehr seit der Betriebsaufnahme im Jahr 2009 geworden. Heute nähert sich die Auslastung der Züge der 90%-Marke, nach den Angaben der RZD betrug der Passagierzuwachs 2016 fast 40% gegenüber dem Vorjahr.

Seit September 2016 werden auf dem neuen S-Bahn-Ring in Moskau 33 Elektrozüge „Lastotschka“ eingesetzt, die im Werk „Ural Locomotives“ hergestellt wurden. Die Fahrzeuge werden im Triebfahrzeugdepot „Podmoskownaja“ gewartet. Wir haben auf Basis eines 40-jährigen Service-Vertrages neue Servicewerkstätte ausgerüstet und garantieren einen 24-Stunden-Service an 7 Tagen der Woche für die Züge des S-Bahn-Rings in Moskau.

Im Februar 2017 haben wir auf Basis des Depots „Podmoskownaja“ ein einzigartiges Zentrum für die Verarbeitung und Analyse von Diagnose-Daten eröffnet, die von den Fahrzeugen und der Eisenbahninfrastruktur zur Verfügung stehen. Das Ziel ist, einen störungs- und unterbrechungsfreien Eisenbahnbetrieb auf Basis präventiver und effizienter Wartung zu gewährleisten. Das ist eine sehr zukunftsorientierte Investition, die das RZD-Projekt „Digitale Eisenbahn“ sinnvoll ergänzt.

Und wir haben sowohl bei Lokomotiven und Zügen als auch bei Lösungen für die Eisenbahninfrastruktur noch jede Menge Ideen, wie die RZD ihr riesiges Bahnsystem noch zuverlässiger und effizienter betreiben kann. Digitale Technologien spielen dabei die entscheidende Rolle.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Dr. Möller.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

Fotoquelle

Zur Verfügung gestellt.

Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur von Ostexperte.de.

Zuvor war er Autor der Moskauer Deutschen Zeitung und Online-Redakteur der Berliner Zeitung und des Berliner Kuriers.

 

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