Klaus DormannVon

Zwischenbilanz: Wo Russlands Wirtschaft im Sommer 2016 steht

Die Konjunktur ist nie im Urlaub. Das russische Statistikamt Rosstat hat kürzlich erste Schätzungen für die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion im zweiten Quartal und Monatsdaten für Juli veröffentlicht. Im August sind auch einige neue Prognosen erschienen. Zeit für eine Zwischenbilanz: Wo steht die russische Wirtschaft im Sommer 2016? Wie sind die Aussichten für das zweite Halbjahr und das kommende Jahr?

Kurzzusammenfassung:

  • HSE-Ökonomen sehen Wirtschaft in „delikater Balance“
  • Zentralbank und Regierung erwarten im zweiten Halbjahr anziehendes Wachstum
  • Konjunkturdaten für Juli enttäuschten
  • 2017 und 2018 rechnen alle Beobachter nur mit schwacher Erholung

Hat die Erholung begonnen oder macht die Rezession nur Pause?

Nach ersten Rosstat-Angaben unterschritt die gesamtwirtschaftliche Produktion im zweiten Quartal ihren Vorjahresstand nur noch um 0,6 Prozent. Im ersten Quartal war sie noch 1,2 Prozent niedriger. Für das erste Halbjahr ergibt sich damit ein real um 0,9 Prozent niedrigeres Bruttoinlandsprodukt als im ersten Halbjahr 2015. Die Anlageinvestitionen waren 4,3 Prozent niedriger.

Vom ersten zum zweiten Quartal 2016 legte die Wirtschaft aber immerhin etwas zu. Ökonomen der Moskauer „Higher School of Economics“ (HSE) haben in ihrem monatlich erscheinenden Konjunkturkommentar auf der Basis der Rosstat-Angaben berechnet, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt minimal gestiegen ist (+0,1 Prozent). Im ersten Quartal war es gegenüber dem Vorquartal noch um 0,5 Prozent gesunken.

Aufschwung im zweiten Halbjahr? HSE glaubt nicht daran

Die HSE-Forscher sehen die russische Wirtschaft allerdings nicht am Beginn eines kräftigen Aufschwungs, sondern in einer „delikaten Balance“. Sie erinnern daran, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion bereits im dritten Quartal 2015 gestiegen war (+0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal), im folgenden Winterhalbjahr aber weiter sank.

Auch jetzt dürfte nach ihrer Einschätzung der leichte Anstieg der Produktion nur vorübergehend sein. Wahrscheinlich werde sich die Rezession fortsetzen. Sie verweisen dazu auf den im zweiten Quartal beschleunigten Rückgang der privaten Inlandsnachfrage (-2,4 Prozent gegenüber Vorquartal). Die Anfang August vorgelegte HSE-Prognose rechnet deswegen 2016 mit einem weiteren deutlichen Rückgang der Produktion um 1,5 Prozent.

Falls sich das reale Bruttoinlandsprodukt aber wider Erwarten im zweiten Halbjahr wenigstens auf dem im zweiten Quartal erreichten Niveau halten könne, so die HSE, sei im Jahresdurchschnitt 2016 eine Abnahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 0,7 Prozent zu erwarten.

Dieses Ergebnis würde fast dem Durchschnitt der Erwartungen von Analysten entsprechen, die die HSE-Forscher in ihrer vierteljährlichen Umfrage erfassten. Die Analysten rechnen jetzt für 2016 mit einer Abschwächung der Rezession in Russland von 3,7 Prozent auf 0,8 Prozent. So skeptisch wie die HSE selbst sehen nur wenige die russische Konjunktur.

Zentralbank und Wirtschaftsminister erwarten anziehendes Wachstum

Die russische Zentralbank äußerte sich Anfang August optimistischer als die HSE-Konjunkturexperten. Sie hob in ihrem monatlichen Bericht zu den Wirtschaftstrends ihre Erwartungen für die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Verlauf des Jahres 2016 an. Im dritten Quartal werde sich das Wachstum gegenüber dem Vorquartal auf 0,4 Prozent und im vierten Quartal auf 0,5 Prozent beleben.

Bereits im Juni hatte die Zentralbank ihre Wachstumsprognose für 2016 im Basisszenario auf – 0,3 Prozent bis – 0,7 Prozent erhöht. Die letzte „offizielle“ Prognose des Wirtschaftsministeriums ist sogar schon Anfang Mai davon ausgegangen, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion 2016 kaum weiter sinkt (- 0,2 Prozent bei einem Ölpreis von 40 Dollar/Barrel).

Wirtschaftsminister Uljukajew meinte am 22. August, das Bruttoinlandsprodukt habe im Juli saisonbereinigt zwar sehr wahrscheinlich auf dem Stand des Vormonats stagniert. In den ersten sieben Monaten sei es wohl 0,9 Prozent niedriger als im Vorjahr gewesen. Im August halte er aber einen kleinen Anstieg für möglich. Im letzten Quartal rechne er mit ziemlicher Sicherheit mit Wachstum.

Sehr zuversichtlich äußerten sich Anfang August auch Analysten der Sberbank. Sie halten es für möglich, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion 2016 das Vorjahresergebnis erreicht.

Industrieproduktion war im Juli enttäuschend schwach

Nachdem die Industrieproduktion im Juni 1,7 Prozent höher als vor einem Jahr gewesen ist, hatten Analysten im Juli mit einem weiteren Wachstum gerechnet. Tatsächlich unterschritt die Industrieproduktion ihr Vorjahresniveau im Juli jedoch um 0,3 Prozent.

Besonders enttäuschend war der Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe (-1,5 Prozent). Nach Meinung von „Business New Europe Intellinews“ ist der Rückschlag in der Industrie ein Beweis, wie fragil die Konjunkturerholung ist, die nach vielfacher Einschätzung jetzt begonnen hat. Die Bauproduktion lag im Juli sogar noch 3,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Auch auf der Nachfrageseite standen im Juli noch dicke Minuszeichen. Bei real 7 Prozent niedrigeren verfügbaren Einkommen war der Einzelhandelsumsatz 5 Prozent geringer als vor einem Jahr.

 Veränderung 2015 zu 2014 (in Prozent)Veränderung Juli 2016 zu Juli 2015 (in Prozent)Jan.-Juli 2016/ Jan.-Juli 2015 (in Prozent)
BIP-3.7
Industrieproduktion-3.4-0.30.3
Bauproduktion-7-3.5-5.2
Realeinkommen-4-7-5.3
Reallöhne-40.60
Einzelhandelsumsatz-10-5-5.6
Anlageinvestitionen
-8.4keine Daten-4.3 (Jan.-Juni 2016)

Tabelle: Rosstat: Sozio-ökonomische Lage in Russland, 17.08,2016; Bank of Finland: BOFIT Russia Statistics; 04.08.2016;

Bank-Analysten erwarten im Jahresdurchschnitt 2016 noch spürbaren Produktionsrückgang

Die Prognosen der Bank-Analysten zur Entwicklung des russischen Bruttoinlandsprodukts haben sich im Juli/August nur noch wenig verändert. Nicht nur die HSE-Umfrage, sondern auch Umfragen von Bloomberg, Economist und FocusEconomics gehen im Durchschnitt davon aus, dass sich die Rezession in Russland in diesem Jahr auf 0,8 Prozent abschwächt.

Die jüngsten Prognosen deutscher und österreichischer Banken liegen dabei aktuell zwischen -0,5 Prozent (Raiffeisenbank International) und -1 Prozent (Commerzbank). Der Internationale Währungsfonds rechnete Mitte Juli mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 1,2 Prozent in diesem Jahr.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland Sommer 2016

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 19. August 2016).
InstitutDatum201620172018
Danske Bank, Kopenhagen2016/08/19-0.61.2
Commerzbank, Frankfurt2016/08/19-11.3
Economist Intelligence Unit2016/08/15-0.81.11.6
HSE-Poll2016/08/15-0.81.11.6
Bloomberg-Poll2016/08/14-0.81.31.5
Vnesheconombank VEB Basisszenario2016/08/12-0.70.71.5
Berenberg Bank, Hamburg2016/08/12-0.90.5
Deka Bank, Frankfurt2016/08/10-0.81.1
OPEC2016/08/10-0.80.7
Economist-Poll2016/08/05-0.81.5
FocusEconomics-Poll2016/08/02-0.81.41.7
Reuters Poll2016/08/01-0.7
Higher School of Economics, HSE2016/08/01-1.5
CMASF, Moskau2016/07/26-1.20.51.5
Morgan Stanley2016/07/20-0.61.4
IWF, Washington2016/07/19-1.21
Raiffeisenbank International RBI, Wien2016/07/14-0.51
BNP Paribas, Paris2016/07/13-0.52
WIIW, Wien2016/06/30-0.80.81.8
Gaidar Institute, Moskau2016/06/21-0.30.31.4
Russische Zentralbank, Moskau2016/06/10-0.3 bis -0.71.1 bis 1.41.6 bis 2.0
Wirtschaftsministerium, Basisszenario2016/05/06-0.20.81.8

Hinweis: Factosphere.com bietet ständig aktualisierte Hinweise auf Prognosen

2017 wieder „schwarze Zahlen“ – aber Erholung dauert bis 2020

Für das nächste Jahr sind sich die Konjunkturexperten bereits jetzt überraschend einig. Die Umfragen bei Analysten lassen eine schwache Erholung der gesamtwirtschaftlichen Produktion erwarten. Im Durchschnitt wird mit einem Wachstum von 1,1 Prozent (HSE-Umfrage) bis 1,5 Prozent (Economist-Umfrage) gerechnet. Das entspricht den Prognosen der Zentralbank.

2018 wird mit kaum schnellerem Wachstum gerechnet. „The Economist Intelligence Unit“ hält in ihrem neuen „Global Outlook“ wie die meisten anderen Experten nur eine leichte Beschleunigung auf 1,6 Prozent für möglich. Danach geht EIU sogar von eher noch schwächeren Wachstumsraten aus (2019: + 1,3 Prozent; 2020: + 1,5 Prozent).

Bei dieser Entwicklung wird Russlands Bruttoinlandsprodukt erst 2020 die Einbußen der Rezessionsjahre 2015 und 2016 wettgemacht haben.

Quellen

Titelbild: Von Simon Schütt


1prime.biz: Minister: Russian seasonally adjusted GDP zero in Jul, can rise Aug; 22.08.2016

Miklashevsky (Danske Bank): Russian output and demand: fragile, hovering around zero; 19.08.2016

Bank of Finland, BOFIT: Russian consumption and output declined in July; 19.08.2016

Bne Intellinews.com: Russia industrial production posts surprise fall in July; 16.08.2016

Higher School of Economics: КОММЕНТАРИИ…Kommentare zu Staat und Wirtschaft; 15.08.2016

Vnesheconombank VEB: Forecasts 2016-2020; russisch, 15.08.2016

The Economist Intelligence Unit: Global outlook, September 2016; 15.08.2016

Ricardo Aveces (FocusEconomics): Recession eases in Q2; 11.08.2016

Anna Andrianova: Russian Economy Shrinks Less Than Forecast…; Bloomberg, 11.08.2016

1prime.ru: По итогам 2016 года рост ВВП РФ будет нулевым; 02.08.2016

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.

 

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