Milan ProcykVon

Schein und Wahrnehmung – Über die Kluft zwischen Berichterstattung über und Erfahrungen in Russland

Seit Ende August lebe ich in der russischen Exklave Kaliningrad zwischen Litauen und Polen. Bis Juni nächsten Jahres werde ich an der hiesigen Immanuel-Kant Universität studieren.

Als ich drei Wochen nach meiner Ankunft genug Vertrauen in meine Sprachkenntnisse habe, besuche ich ein Café. Es ist eines der Art, wie es sie in deutschen Großstädten zu Hunderten gibt: Viel Holz, allerlei Kaffeegetränke mit englischen Bezeichnungen. Im an den Gastraum angeschlossen Veranstaltungssaal läuft eine Ausstellung für Fotografie. Auf einer Leinwand dahinter spielt ein Stummfilm in Dauerschleife. Er zeigt leergefegte Straßen einer Großstadt, offensichtlich im Frühling eingefangen, die Bäume grünen frisch.

Mein Bild von Russland

Ich nehme mein Reisetagebuch aus der Tasche und öffne es. Meinen ersten Eintrag habe ich noch in Deutschland verfasst. Ob ich wohl noch so denke und fühle wie vor knapp drei Wochen? Neugierig beginne ich zu lesen. In diesem Tagebucheintrag füge ich zusammen, was ich über Russland wusste oder zu wissen meinte. Ich zeichnete also mein Bild von Russland, wie man so schön sagt, auch wenn es zu jener Zeit noch eher eine Collage war. Meine Quellen sind Nachrichtenmeldungen, Meinungen aus Leitartikeln, Reportagen aus privaten und öffentlich-rechtlichen Massenmedien sowie Blogeinträge und Literatur von angesehenen „Russlandexperten“.

Die Collage, die sich daraus ergibt, zeigt ein Land, dass seine imperialen Ambitionen nicht einmal versucht zu vertuschen, in dem die Einwohner – zugunsten ihres heißgeliebten Führers – nur zu gerne ihre bürgerlichen Rechte herschenken. Russland stellte sich mir als ein Land dar, das man als Mitglied der LGBT-Community meiden sollte, das kaum davon abzuhalten ist, in der Ukraine den dritten Weltkrieg anzuzetteln und sich das Baltikum einzuverleiben.

Glaube ich meinem Tagebucheintrag, erwartet mich ein ziemlich düsterer Auslandsaufenthalt. Zumal auch die Zivilgesellschaft heftigen Beschneidungen ausgesetzt zu sein scheint. Jeder Handschlag, jedes Augenzwinkern regierungskonform.

Nationalstolz und Autoritätshörigkeit

Vervollständigt wurde die Collage im Bus nach Kaliningrad, wo ich die Aufzeichnung eines Gesprächs der russischen Historikerin Irina Scherbakowa mit dem Osteuropa-Experten Karl Schlögel las. Das Buch trägt den Titel „Der Russland-Reflex“, herausgegeben hat es die Bundeszentrale für Politische Bildung. Dort ist von einer Veränderung in der Geschichtswahrnehmung die Rede, welche sich in den letzten zehn Jahren vollzogen habe.

Dies macht Scherbakowa an den Arbeiten, die sie im Rahmen eines Schüler-Geschichtswettbewerbs seit 1999 begutachtet, fest:  zwischen 1999 und 2005 seien alle eingereichten Arbeiten sehr kritisch im Umgang mit der eigenen Historie gewesen. Ab 2005 habe sich dies verändert, die Schüler wüssten inzwischen nicht viel mehr als das, was das Fernsehen jeden Tag sendet. Statt zu differenzieren, beschwörten diese oft unreflektiert den russischen Nationalstolz. In der Folge füllt einfältige Autoritätshörigkeit den verbleibenden Platz auf meiner Russland-Collage.

Wie in Berlin, Hamburg oder Köln

Mein Cappuccino kommt und schmeckt wie zu Hause. Ob das am Kaffee, den vielen Holzpaletten oder der modischen Frisur der Kellnerin liegt, weiß ich nicht. Ich frage sie, was dort oben ist, eine steile Treppe führt auf einen zweiten Boden. Dort oben sei reserviert, für freischaffende Künstler, wie sie sagt, die kämen öfter für Projektarbeit hierher. Wie in Berlin, Hamburg oder Köln, denke ich, Kreative mit MacBooks in hippen Cafés.

Meine persönlichen Erfahrungen in diesem Land haben mit der Collage in meinem Tagebuch keine Schnittmenge. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, folgen keineswegs blind ihren „Anführern“ oder propagieren „Neurussland“. Sie kritisieren selbstbewusst die eigene Regierung und deren Geschichtsschreibung und sind nicht homophob (am selben Abend werde ich sogar noch eine stadtbekannte Schwulendisko besuchen).

Diskrepanz zwischen Medien und Wirklichkeit

Selbstverständlich will ich nicht die politischen und wirtschaftlichen Eliten Russlands verteidigen und Menschen wie Irina Scherbakowa die Deutungshoheit streitig machen oder ihre Beobachtungen anzweifeln. Das wäre lächerlich und naiv. Ich will auch nicht bestreiten, dass es in Russland einen emotional gelebten Patriotismus gibt, wie in vielen Ländern gehört er auch hier gewissermaßen zum guten Ton und steht nie im Widerspruch zur Selbstkritik. Einzig die Diskrepanz zwischen dem Bild, das mir in Deutschland von diesem Land vermittelt wurde und meiner eigenen Erfahrung macht mich stutzig.

Ich stehe auf um mir die Ausstellung anzusehen. Sie zeigt Fotos von den Festlichkeiten des Siegestags am 9. Mai – dem patriotischsten aller russischen Feiertage. Man gedenkt den von den Nazis getöteten Verwandten und feiert den Ausgang des „Großen Vaterländischen Krieges“. Die Fotos der Ausstellung sowie erwähnter Film beleuchten die Festlichkeiten sehr differenziert. Die Bilder zeigen weder synchronisierte Soldatenmärsche noch auf Hochglanz polierte Raketenträger, sondern ekstatische Paradenbesucher, leergefegte Straßen und genervte Sicherheitsbeamte.

Korrektur des Russland-Bilds

Zwischen den mit Rahmen behangenen Stellwänden steht ein Tisch, an dem ein uniformierter Soldat und eine Frau sitzen. Die beiden trinken Kaffee und unterhalten sich ruhig. Das hätte ich nicht erwartet: ein Soldat inmitten einer Ausstellung, die sich kritisch mit dem russischen Militarismus auseinandersetzt. Das ist doch lebendige Erinnerungskultur, muss ich denken. Etwas, für das in meiner aus Deutschland erstellten Russland-Collage leider kein Platz war.

Vielleicht sollte man sich bei einer Methode bedienen, die sonst der Boulevard gerne nutzt. Gemeint ist die Personalisierung von Inhalten. Nicht aber wie üblich als Gleichsetzung aller Russen mit ihrem Präsidenten, sondern als Korrektur des Russland-Bilds vieler Deutscher durch das Wiedergeben persönlicher Erfahrungen. Das hätte mir geholfen aus meiner rudimentären, grauen Collage ein vollständiges, buntes Bild zu machen.

Milan Procyk
Über den Autor

studiert in Göttingen Sozialwissenschaften und ist Chefredakteur des dortigen Campusradios. Zur Zeit absolviert er ein Auslandssemester an der Immanuel-Kant Universität in Kaliningrad.

An Deutschland vermisst er Döner, an Russland wird er die Verbindlichkeit vermissen, die die Menschen im Umgang miteinander pflegen.

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Andreas Metz
Andreas Metz

Mein erster Aufenthalt in Kaliningrad ist nun schon 13 Jahre her, die Diskrepanzen in der hiesigen Berichterstattung und den russischen Alltagseindrücken waren damals aber absolut dieselben, niedergelegt in meinem Buch „Kosmonaut in Kaliningrad“. Irgendwie scheint die Zeit also stehenzubleiben. Doch, Unterschiede gibts: Kaliningrad ist seitdem viel schöner und lebenswerter geworden, auch wenn das hierzulande kaum jemand mitbekommt.
Noch viel Spaß im Abenteuerland!
Andreas Metz

Julia
Julia

Ich bin wirklich beindruckt von deiner sehr klaren Art zu schreiben. Ein toller Artikel. Ich habe ziemlich ähnlich gefühlt aber hätte es nie so gut in Worte fassen können. Viel Spaß noch in Russland Milan. Lg

Milan Procyk
Milan

Vielen Dank!

Viktor Che
Viktor Che

Danke, Milan, für Deine objektiven und größtenteils positiven Aufzeichnungen. Mir als einem von hier, haben sie eine besondere Freude bereitet. Und dass wir, Russen, unsere Sympathie mit Euch und Eurem Heimatland nie verbergen, wird für dich sicherlich kein Geheimnis sein. Soll mich das Schicksal einmal wieder nach Deutschland verschlagen, schreibe ich meine Eindrücke hier beim „ostexperten“ nieder.

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