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Seit dem 13. März 2017 gibt es eine Medienpartnerschaft zwischen der Nachrichtenseite Ostexperte.de und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Der Leiter der Kontaktstelle Mittelstand im Ost-Ausschuss, Jens Böhlmann, verfasst im zweiwöchigen Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de.

Ost-Ausschuss: Meister ist nicht gleich Meister

Von Jens Böhlmann, Kontaktstelle Mittelstand im Ost-Ausschuss


Ich wohnte noch keinen Monat in Moskau, als in meiner Wohnung eine Reparatur notwendig wurde. Zu meiner großen Überraschung garantierte mir der Vermieter, dass am nächsten Tag – am nächsten Tag! – der Meister vorbeikommen und sich der Sache annehmen würde.

Es stellte sich ein freundlicher junger Mann vor, der auf meine Frage, auf welchem Gebiet er Meister sei, ein wenig ausweichend antwortete: „Dies und das. Was gerade notwendig ist.“ Meine Verwirrung ob dieser Aussage steigerte sich noch, als er mich nach Werkzeug fragte, und angesichts einer gut sortierten „deutschen“ Werkzeugkiste ein Leuchten in seine Augen trat.

Um es kurz zu machen, er hat den Schaden behoben. Wir haben uns noch einige Male getroffen. Er diente in der Armee, bevor er „Meister“ wurde. Sein Improvisationstalent war sprichwörtlich russisch. Unorthodoxe Lösungen waren sein Spezialgebiet. Wir haben uns gut verstanden. Der deutschen Vorstellung eines Handwerkers oder Meisters würde er allerdings nicht genügen.

Zukunft als Handwerker oder Facharbeiter

Überhaupt ist der Begriff des Handwerkers und des Facharbeiters in Russland ein gänzlich anderer. Eine der deutschen Berufsausbildung vergleichbare gibt es eigentlich nicht. Den meisten Schülern und Eltern wäre der Gedanke an eine Zukunft in einem klein- oder mittelständischen Betrieb auch vollkommen fremd.

Russische Jugendliche wollen nach einer Studie der Higher School of Economics vor allem Arzt, Manager, Jurist oder Betriebswirt werden. Ein nicht unerheblicher Teil strebt einen Job in staatlichen Institutionen an. Unabhängig von der Berufswahl, wollen viele Beamter werden. Gerade einmal zwei Prozent der befragten Eltern konnten sich ihre Kinder als Arbeiter vorstellen.

Dafür gibt es historische, materielle und Prestigegründe. Schon seit Jahrhunderten haben die jeweils Herrschenden Spezialisten aus dem Ausland mit der Ausführung anspruchsvoller Projekte betraut. Während der Sowjetzeit gab es kaum Facharbeiter oder Handwerker, weil das „Eigentum an Produktionsmitteln“ zu einhundert Prozent in staatlicher Hand lag und Privateigentum als bourgeoises Überbleibsel galt.

Mangel an Berufs- und Meisterschulen

Damit gingen auch die letzten handwerklichen Traditionen verloren. Über Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsene, hoch spezialisierte Familienunternehmen, in denen der Nachwuchs ausgebildet und der Stolz auf das eigene Produkt entwickelt wird, gibt es faktisch nicht. Und damit fehlt es auch an Berufs- und Meisterschulen, einer Ingenieursausbildung, die an der Praxis orientiert ist, den notwendigen Lehrkräften, Lehrplänen und Ausbildungsplätzen und nicht zuletzt der gesellschaftlichen Anerkennung.

Arbeit mit den Händen genießt einen ausgesprochen schlechten Ruf und wird unterdurchschnittlich bezahlt. 2015 konnten sich nur 2,5 Prozent der befragten Absolventen vorstellen, im Dienstleistungsgewerbe zu arbeiten.

In Deutschland braucht ein guter Industriemeister den Vergleich mit einem Akademiker weder vom Image noch von der Bezahlung her zu scheuen. Womit wir wieder beim Begriff selbst wären. Meister ist in Russland ein vollkommen unspezifischer, auch ungeschützter Begriff, den jeder für sich in Anspruch nehmen kann.

Stabile mittelständische Basis

Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es für den Aufbau einer konkurrenzfähigen, innovativen und leistungsfähigen Volkswirtschaft eine stabile mittelständische Basis braucht, die die Ausbildung garantiert: zum Facharbeiter, zum Meister, zum Ingenieur. Das Profil eines deutschen Industriemeisters umfasst fachliche Spezialisierung ebenso wie operative Management- und Führungsaufgaben – und die Ausbildung wird zertifiziert.

In Russland gibt es eine vergleichbare Qualifikation nicht. Deutsche Unternehmen suchen für ihre Produktionsstätten deshalb auch in erster Linie Vertriebsingenieure, Facharbeiter, Spezialisten für die Produktion – und finden sie nur selten. In der diesjährigen Umfrage zum Geschäftsklima steht das Problem des Facharbeitermangels, der Berufsausbildung wie all die Jahre zuvor weit oben.

Eigenes Werkzeug

Erste Versuche, Berufe nach deutschem Vorbild auszubilden sind gelungen, allerdings ist der Zahl der Absolventen verschwindend gering und es sind noch sehr wenige Berufsbilder.

Der Mangel an guten Fachkräften hat aber weitreichendere Konsequenzen. Die vom russischen Staat forcierte Lokalisierung und Importsubstitution wird nicht gelingen, wenn man nicht auf qualifizierte Facharbeiter zurückgreifen kann. Sie sind der Garant für erfolgreiche mittelständische Unternehmen.

Ein Meister, egal ob Handwerks- oder Industriemeister, der diese Bezeichnung verdient, ist in der Lage, ein Unternehmen erfolgreich zu führen, qualitativ auf höchstem Niveau zu produzieren, Verhandlungen zu leiten und Ausbildung zu organisieren…und wahrscheinlich würde er auch sein eigenes Werkzeug mitbringen.

 

 

Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.

 

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