Alexander RahrVon

„Sie konnten Kim Jong-un die Bombe nicht wegnehmen“

Oh Gott – in welche Zukunft stürzen wir!? Nordkorea, das stalinistischste Regime auf Erden besitzt die Wasserstoffbombe. Schrecklicheres konnte der Welt nicht widerfahren.

Ein Gastbeitrag von Alexander Rahr


Was kommt demnächst? Dreimal darf man raten: Südkorea und Japan werden atomar – das wiederum wird eine nie dagewesene militärische Aufrüstung in China nach sich ziehen.

Die USA haben versagt. Sie konnten Kim Jong-un die Bombe nicht wegnehmen. Ihr Schutzmacht-Status für die pro-westlichen Staaten Ostasiens wird hinterfragt.

Blicken wir auf den Nahen Osten. Was denkt sich jetzt der Iran, der ebenfalls nach einer Atomwaffe trachtet. Teheran argumentiert so: die iranischen Nachbarländer Pakistan, Indien, Russland, Nato/Türkei besitzen Nuklearwaffen. Warum darf dann der Iran keine besitzen, in einer Zeit, wo der Nahe und Mittlere Osten im gefährlichen Umbruch sind und der sunnitisch-schiitische Gegensatz immer größere Dimensionen annimmt?

Hoffentlich sind die Entwicklungen in Nordkorea keine Blaupause für Teherans künftiges Verhalten. Denn Israel wird, wenn die USA stillhalten, im Alleingang angreifen.

Eine gemeinsame Sicherheitsordnung

Der Westen hatte die Chance, die globalen Konflikte besser in den Griff zu bekommen – durch Koalitionen mit anderen Polen der Weltpolitik. Die Chancen sind vertan. Warum haben Washington und die Europäer, statt in Osteuropa die NATO an die Grenzen Russlands auszuweiten, nicht das getan, was ihnen Russland nach dem Zerfall des Kommunismus mehrmals vorgeschlagen hat: eine gemeinsame Sicherheitsordnung auf der nördlichen Erdhalbkugel.

Aber der Westen war arrogant. Er dachte, er kann die Weltordnung alleine formen.

Die USA verlangen von Russland und China Unterstützung im Atomstreit mit dem Iran und Nordkorea. Gleichzeitig führen die USA einen Wirtschaftskrieg gegen Russland. Präsident Donald Trump droht China. Glauben die USA, sie können alle einschüchtern? Moskau und Peking wollen keine neuen Atommächte auf dem Planeten – aber sie wollen auch keine verstärkte amerikanische Militärpräsenz an ihren direkten Grenzen.

So makaber das auch für westliche Ohren klingt. Dennoch fragen sich die Russen was für sie gefährlicher ist: Atomraketen in Nordkorea und Iran oder neue amerikanische Streitkräfte in diesen Ländern?

Westen hat Deutungshoheit verloren

Vermutlich ist der Nordkorea-Konflikt und das Iran-Problem noch leichter zu lösen, als die Eindämmung des islamischen Terrorismus, der heute Europa stärker bedroht als jemals zuvor in der Geschichte. Aber Lösungen gibt es nur gemeinsam. Der Westen hat schon lange seine Deutungshoheit über die Weltordnung verloren. Er muss kooperieren, Kompromisse eingehen – ansonsten werden die nichtwestlichen Großmächte ihre eigenen Allianzen gegen ihn schmieden.

Der nächste Testfall ist Afghanistan. Da will Trump wieder im Alleingang losmarschieren. Dabei dauert der US-Krieg gegen die Taliban schon 15 Jahre.

Der übernächste Testfall ist Moldawien. In dieser vergessenen ehemaligen Sowjetrepublik braut sich ein ähnliches Konfrontationsszenarium zusammen, wie seinerzeit in der Ukraine. Die Mehrheit der Bevölkerung will gute Beziehungen sowohl zu Russland, als auch zur EU haben. Ein neuerlicher Zusammenprall westlicher und russischer geopolitischer Interessen würde erneut zu Blutvergießen und einer vertieften europäischen Spaltung führen.

Manchmal kann man sich, angesichts der Strategielosigkeit führender Politiker, nur an den Kopf greifen.

Alexander Rahr
Über den Autor

wurde 1959 in Taipeh in der Republik China (Taiwan) geboren. Der Politologe, Osteuropa-Historiker, Unternehmensberater und Publizist gilt bei deutsch- und russischsprachigen Medien als renommierter Experte für geostrategische Fragen.

Seit 2015 ist Rahr stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Russischen Wirtschaft in Deutschland e.V. und Senior Berater von Gazprom Brüssel. Zuvor war er drei Jahre lang Senior Advisor der Wintershall Holding GmbH sowie Berater des Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK).

Rahr ist Mitglied des Petersburger Dialogs. Er ist zudem Programmdirektor des Deutsch-Russischen Forums und Co-Vorsitzender des Arbeitskreises Lissabon-Wladiwostok, einer Initiative der deutschen Wirtschaft. Er ist Mitglied des russischen Clubs Waldai und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES). Bis 2012 leitete er das Berthold-Beitz-Zentrum für Russland/Eurasien in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Er ist zudem Verfasser zahlreicher Bücher über Russland. Rahr ist auch Chefredakteur des Meinungsportals Russlandkontrovers.de. Seit 2003 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes.

 

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