Simon SchüttVon

Was das Neujahrsgeschäft in Russland 2015 ausmachte.


Das Jahr ist bald vorbei. Das Warten der russischen Kinder auf das größte Fest des Jahres hat ein Ende. Zeit, einen Blick auf die geschäftliche Seite zu werfen. An dieser Stelle möchten wir Ihnen noch einmal dafür danken, dass Sie in diesem Jahr unsere Leser waren und wünschen Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr, ein schönes Neujahrsfest und ein erfolgreiches und glückliches Jahr 2016.  

Ihre Ostexperte.de-Redaktion


Das Neujahrsgeschäft in Russland steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. An vielen Stellen wird gespart. Ein Vergleich mit dem Vorjahr ist allerdings schwierig. 

Weihnachten ist das Fest der Strümpfe. In den USA werden sie an den Kamin gehängt und der Weihnachtsmann legt etwas hinein. In Deutschland liegen Socken ebenfalls oft unter dem Baum – wenn auch selten gewollt. In Russland ist zwar nicht Weihnachten, sondern, etwas später, Neujahr das große Fest, aber auch das – zumindest in diesem Jahr – unter dem Eindruck der Strümpfe: der Sparstrümpfe.

Die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zwingen viele Russen dieses Jahr zu einem Umdenken bei den diesjährigen Ausgaben. Die Reallöhne sind 2015 um rund 13 Prozent gesunken und die kriselnde Wirtschaft des Landes macht den Menschen zu schaffen.

Geplante Neujahrsausgaben in Euro gesunken, in Rubel leicht gestiegen

Rund zwei Drittel der russischen Bürger planen daher, dieses Jahr die Kosten ihres Neujahrfestes zu reduzieren. Dieses Ergebnis förderte zumindest eine Studie der Marktforschungsagentur IRG zutage. Das durchschnittliche Budget einer russischen Familie für Neujahr liegt demnach bei 16.900 Rubel (rund 240 Euro).

Dieses Ergebnis stimmt weitgehend mit einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte überein. Die kam zu dem Ergebnis, dass die Russen durchschnittlich 217 Euro für die Neujahrsfeierlichkeiten auszugeben bereit sind. Das sind – in Euro wohlgemerkt – sieben Prozent weniger als im Vorjahr und liegt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 513 Euro, den das Unternehmen errechnet hat.

GUM

Das festlich beleuchtete GUM in Moskau.

Im europäischen Vergleich wollen nur die Griechen ihre Weihnachtsausgaben stärker reduzieren als die Russen (um 8,6 Prozent). In Deutschland wird hingegen mit einer leichten Erhöhung der um 0,9 Prozent auf 423 Euro gerechnet.

Doch das Euro-Ergebnis ist mit Vorsicht zu genießen. Denn die Russen planen dieses Jahr in Rubel nominell für Neujahr etwas mehr ein als im letzten Jahr – 15.500 Rubel im Vergleich zu 15.100 Rubel 2014. Allerdings sorgt der schwache Rubel dafür, dass das Budget in Euro um fast 30 Prozent gesunken ist.

Wo gespart wird

Aber die Russen sind auch Meister im Strumpfstopfen. So gaben 20 Prozent der 1200 Befragten gegenüber IRG an, dass sie planten, am in Russland beliebtesten Feiertag des Jahres ganz ohne Delikatessen auszukommen. Ein Drittel plant, für das Festessen und die Geschenke zumindest weniger auszugeben.

21 Prozent wollen laut der Deloitte-Studie nun in günstigeren Geschäften einkaufen – 2014 hatten das nur acht Prozent vor. Und einige Russen wollen dieses Jahr sogar vollständig auf Geschenke verzichten. Ihr Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr von vier auf nun sieben Prozent gewachsen.

Sergej hat das nicht vor. Der 25-jährige Lehrer aus Moskau sagt: „Ich mag es nicht, für Geschenke zu sparen, aber ich schenke gerne. Ich denke, mich wird auch dieses Jahr nichts von überschwänglichen Ausgaben abhalten. Wie immer.“ Der Wirtschaftskrise ist er sich allerdings bewusst: „Nicht einmal die schwierige ökonomische Lage wird mich aufhalten“, lacht er.

Neujahrsreisen nach Russland werden populärer

Dafür achtet er an anderer Stelle stärker auf das Geld – beim Reisen. War er vor zwei Jahren über die Neujahrsfeiertage noch in Prag, verbrachte er die beliebte Urlaubszeit 2014 in Russland. Mit Freunden war er im nordrussischen Murmansk und dort die Polarlichter fotografiert. Ursprünglich wollte er nach Island, erzählt er, aber Russland sei eine gute und günstigere Alternative gewesen. Und man spreche dort Russisch, fügt er hinzu. „In diesem Jahr werde ich wohl entweder sparsam in Moskau bleiben oder – etwas weniger sparsam – nach Karelien an die finnische Grenze fahren“, sagt der leidenschaftliche Hobbyfotograf.

Mit seinen Sparplänen ist Sergej nicht allein. Dem Reiseveranstalter OneTwoTrip zufolge gingen die Buchungen für Flüge ins Ausland im Zeitraum vom 1. bis zum 10. Januar um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Besonders die Flüge nach Deutschland (-68 Prozent) und Österreich (-60 Prozent) seien sehr viel weniger nachgefragt.

Dass nun mit Ägypten und der Türkei zwei weitere beliebte Destinationen wegen der Sanktionen und Terrorgefahr ausfallen, mache den Urlaub in der Heimat umso populärer.

Wohl kein Ansturm wie im letzten Jahr

Viele russischen und europäischen Einzelhandelsketten wollen sich nicht zum laufenden Neujahrsgeschäft äußern oder Prognosen abgeben. Ihre Umsätze werden aber wohl unter denen Vorjahres liegen.

Denn vor einem Jahr, Mitte Dezember 2014, stürzte der Rubel drastisch ab. Das führte vielfach zu vorgezogenen Käufen, weil die Kunden das Geld vor der Entwertung schützen und Preiserhöhungen zuvorkommen wollten. Der große russische Elektronikhändler M.video verzeichnete deswegen im Dezember 2014 sattes Plus seiner Verkäufe von 73 Prozent.

Der Vergleich zum Neujahrsgeschäft im Vorjahr ist daher schwierig. Ähnliches wird sich dieses Jahr wohl kaum wiederholen. Die Menschen haben sich inzwischen der Situation und den Preise angepasst. Zwar stieg der Rubelkurz zuletzt wieder mit rund 80 Rubel pro Euro auf ein ähnliches Niveau wie im Dezember 2014, doch der Verkaufsansturm bliebt aus.

Mit Preisnachlässen werben

Dafür sprechen auch die Aussagen der russischen Unternehmen zum sogenannten „Black Friday“ Ende November, an dem auch in Russland mit deutlichen Preisnachlässen geworben wurde. Der Tag war nach Angaben vieler Händler ein voller Erfolg. Allerdings sanken die durchschnittlichen Rechnungen bei vielen Anbietern.

So auch beim bekannten Elektrohändler Swjasnoj. Dies sei der Tatsache geschuldet, dass die Kunden im vergangenen Jahr unter dem Einfluss der Rubel-Abwertung teure Geräte kauften, hieß es seitens des Unternehmens. Heute hingegen gäben die Menschen wegen der gesunkenen Realeinkommen ihr Geld vorzugsweise für billigere Elektronik aus.

So rechnen die Logistiker in Russland auch nicht mit großen Veränderungen der Warenmengen zur Neujahrszeit in diesem Jahr. Das vierte Quartal ist auch die wichtigste Zeit der Transportunternehmen, denn das Warenaufkommen steigt vor Neujahr stets deutlich.

“Wir erwarten keine Differenz zum Vorjahr“, äußert sich ein Verantwortlicher für Russland eines großen europäischen Logistik-Unternehmens zum diesjährigen Neujahrsgeschäft (siehe auch unser Interview mit dem Russland-Chef des Logistik-Unternehmens Kühne+Nagel).

Auch in einem anderen Punkt dürfte sich das diesjährige Neujahrsfest nicht von denen der vergangenen Jahre unterscheiden: der gemeinsamen Zeit mit Freunden und Familie.

Neujahrsgeschäft in Russland

Ein Paar beim Neujahrseinkauf.


Dieser Artikel ist zuerst bei der deutschen Ausgabe von Russia Beyond the Headlines (Beilage des Handelsblatts) erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung und einigen Ergänzungen erneut veröffentlicht. 

 

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.

 

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