Von

Interview mit Moskauer IT-Department: „Wir wollen Moskau zu einer serviceorientierten Stadt entwickeln“

Andrei Beloserow ist Senior Advisor to CIO on Strategy and Innovations der Stadt Moskau. Im Interview mit Ostexperte.de spricht er über die Pläne, die russische Hauptstadt in eine “Smart City” zu verwandeln, bisherige Erfolge sowie Gefahren einer vernetzten Stadt.

Was ist eine Smart City?

Definition Normungsroadmap Smart City (DKE und DIN 2014):

Smart City bezeichnet einen Siedlungsraum, in dem systemisch (ökologisch, sozial und ökonomisch) nachhaltige Produkte, Dienstleistungen, Technologien, Prozesse und Infrastrukturen eingesetzt werden, in der Regel unterstützt durch hochintegrierte und vernetzte Informations- und Kommunikationstechnologien. Mit der Smart City soll im Besonderen bewirkt werden:

  • die Lebensqualität und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe der Bürger und Bürgerinnen zu verbessern,
  • die Nutzung von endlichen Ressourcen zu verringern und die Nutzung erneuerbarer Ressourcen zu etablieren,
  • die Daseinsvorsorge langfristig zu sichern und zu optimieren,
  • die Überlebens-, Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) des Siedlungsraums zu stärken,
  • eine transparente Entscheidungskultur und Wissensgesellschaft zu schaffen sowie,
  • die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes dauerhaft zu erhalten oder zu erhöhen mithin die Zukunftsfähigkeit des Siedlungsraums zu verbessern und dabei negative Folgen der Urbanisierung zu mindern oder zu vermeiden.

Quelle: Die Wiener Smart City Definition – Betrachtungen zu deren Verwendung


Andrey Belozerov, Smart City in Moskau

Senior Advisor to CIO on Strategy and Innovations der Stadt Moskau. Quelle: zvg

Sehr geehrter Herr Beloserow, wie messen Sie den Erfolg von Zielen wie die Verbesserung der Lebensqualität, effizientere Regierung und solide Infrastruktur? Welche Ziele haben Sie für die nächsten fünf bis zehn Jahre?

Unser langfristiges strategisches Ziel ist es, aus Moskau eine serviceorientierte Stadt für Bürger und Unternehmen zu machen. Die genannten Unterziele werden durch die Realisierung unterschiedlicher Projekte erreicht. Kennzahlen können wir dazu nicht nennen, weil die Bürger selbst entscheiden müssen, ob unsere Maßnahmen dazu beitragen, ihr Leben in Moskau besser zu machen.

In unserer Vorstellung heißt ein besseres Leben in Moskau, dass es günstig ist, man schnell von einem Ort zum anderen kommt, genügend Zeit mit seiner Familie verbringen kann und Ruhe in einer solch geschäftigen Stadt findet.

Natürlich müssen wir noch viel arbeiten, aber schon jetzt begleitet Moskau führende Top-Positionen in internationalen Smart City Rankings. Laut einer PwC-Analyse belegt Moskau nach Zahl, Funktionalität und Vielfalt von Informationssystemen in der Stadtverwaltung weltweit den zweiten Platz. Einer Studie von KPMG zu „Smart Cities“ ist Moskau sogar Spitzenreiter beim Anteil der Smart-Technologien im Gesundheitssystem .

Das Budget für das Projekt “Smart City” setzt sich aus Mitteln der Stadt und privater Investoren zusammen. Um welche Unternehmen handelt es sich dabei?

Wie in jedem Land weltweit versucht die Regierung, die Interessen der lokalen Lieferanten zu schützen. Wir arbeiten mit fast allen russischen Unternehmen aus der Telekommunikations- und IT-Branche zusammen. Damit kooperieren russische Unternehmen in ihren internen Prozessen sowieso mit ausländischen Partnern und nutzen deren Technologien.

So können wir beispielsweise Rostelecom, MTS, Mail.ru und Yandex als Partner bezeichnen.

Unterstützen diese Unternehmen das Projekt nur finanziell oder stellen sie auch Know-how zur Verfügung?

Ja. Natürlich stellen diese Unternehmen Know-How und Technologien zur Verfügung. Der Ausbau von Kamerasystemen ist ein gutes Beispiel.

Die Unternehmen übernehmen alle Investitionsausgaben (CAPEX): Infrastrukturentwicklung, Installation von Kameras und deren Betreuung und Pflege. Wir zahlen nur für den Service, also für das Kamerabild, das wir bekommen.

Darüber hinaus können Unternehmen dieselbe Infrastruktur nutzen, um Bürgern andere Dienste anzubieten.

Das russische Steuerrecht gilt als sehr aufwendig. Wie vereinfacht die Digitalisierung diesen Prozess? Wie werden Rahmenbedingungen für Unternehmen im Allgemeinen verbessert?

Der Dokumentationsprozess des russischen Steuerrechts muss noch verbessert werden. Derzeit versuchen wir, die administrative Arbeit für Unternehmen zu vereinfachen. Unter anderem dadurch, dass der Service „My Documents“ für juristische Personen und Unternehmer gestartet wurde.

Dieser Service funktioniert als One-Stop-Shop. Besonders wichtig ist die Unterstützung von Start-ups bei der Gründung. Durch die Finanzierung von Technoparks und Business-Inkubatoren wurden die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessert. Unternehmen können Büroräume anmieten und erhalten Rechts- und Steuerberatung.

Ein Hauptziel ist eine effizientere Stadtregierung. Ein großes Problem stellt dabei die Korruption dar. Wie gehen Sie dagegen vor?

Häufig besteht Korruptionsgefahr bei der Ausschreibung durch die öffentliche Hand. Mit der Einführung eines anonymisierten Online-Bieter-Systems wurde diese Gefahr minimiert. Manchmal ist nur der Angebotspreis ersichtlich, jedoch wissen wir nicht, welches Unternehmen dieses Angebot unterbreitet. Auch die Unternehmen erhalten keine Informationen, welcher Regierungsmitarbeiter die Ausschreibung leitet. So wird der persönliche Kontakt unterbunden und eine Bestechung unmöglich.

Das russische Gesundheitssystem gilt als marode. Denken Sie, dass E-Healthcare der richtige Ansatz ist, um die Infrastruktur der Krankenhäuser zu verbessern oder eher Investitionen in die Ausrüstung bzw. Renovierungen der Krankenhäuser?

Wir verfolgen beide Ansätze. Seit ca. 6 Jahren wird in neue Ausrüstung für Krankenhäuser, aber auch in die IT investiert. Wir glauben, dass vor allem die IT unser Gesundheitssystem verbessern wird. Das IT-System “United Medical Information Analysis System” (UMIAS) wird von 660 Kliniken in Moskau aktiv genutzt.

Das System ermöglicht die Online-Vergabe von Arztterminen, sowie die elektronische Erfassung von Krankengeschichten und ärztlichen Verschreibungen. Erfolge wurden schon bei der Optimierung des Patientenflusses erzielt. Das heißt, dass die Wartezeiten auf einen Arzt in einem Moskauer Krankenhaus auf maximal 20 Minuten reduziert wurden. Zudem können durch die Datenerfassung mögliche Epidemien frühzeitig erkannt und behandelt werden.

Auch der russische Bildungssektor soll von der Digitalisierung profitieren. 

Zuerst müssen wir differenzieren: Universitäten unterliegen der Verantwortung des russischen Staates. Stadtregierungen sind für Kindergärten, Grundschulen und weiterführende Schulen verantwortlich. In Bezug auf die Bildungseinrichtungen unter unserer Verantwortung liegt ein Vorteil in der Personalisierung von Lehrplänen.

Durch die Einrichtung eines einheitlichen Bildungsraum für alle Moskauer Schulen (Schülertagebücher, Tests, Lehrprogramme) können Lehrer Lehrpläne so entwickeln, dass Stärken und Schwächen jeder einzelnen Klasse berücksichtigt werden.

Neben kostenfreien WLAN Access Points sind alle Moskauer Schulen mit interaktiven Whiteboards und modernen PCs ausgestattet. Eine regelmäßige Erneuerung des Schulequipments soll das Interesse der Schülern am Lernen erhöhen.

Moskau plant, weltweit die erste Stadt mit einem 5G-Mobilfunkstandard zu sein. Sind die Planungen schon angelaufen oder wird erst noch damit begonnen?

Im Rahmen von „Smart City“ befinden wir uns in der Vorbereitungsphase, aber schon jetzt arbeiten wir im Voraus mit unseren Partnern zusammen an einigen Aspekten. Die lange Vorbereitungendauer beruht auf der ausstehenden Genehmigung eines internationalen Mobilfunk-Standard 5G, sowie der fehlenden Zuordnung einer separate Frequenz. Auch erfordert diese Technologie die Modernisierung der bestehenden Infrastruktur, sowie den Bau neuer Rundfunkmasten in Moskau. So planen wir, das Projekt 2019 bzw. 2020 zu verwirklichen.

Abschließend noch folgende Frage: Wie sichert sich Moskau gegen Hackerangriffe und einen absoluten Black-out ab?

Wir schützen unsere Systeme durch ein eigenes Sicherheitssystem. Im Gegensatz zu einigen Förderalverwaltungen in Russland hatten wir bei den zuletzt erfolgten Hackerangriffen keine größeren Probleme.

Darüber hinaus setzen wir manchmal absichtlich Hacker ein, die unsere Systeme attackieren, um Schwachstellen aufzudecken und zu schließen. Durch Bildungsangebote versuchen wir Bürger sowie Staatsbeamte für das Thema IT-Sicherheit zu sensibilisieren.

Vielen Dank für das Interview, Herr Beloserow.

Fotoquelle

Über den Autor

ist freier Autor bei Ostexperte.de.

Derzeit studiert Emmert den Bachelor-Studiengang „International Management Eastern Europe“ an der FH Ludwigshafen. Im Rahmen eines Programmes des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) absolviert er ein Praktikum im Marketing & Sales bei RUFIL CONSULTING in Moskau.

Zuvor studierte er an der Polytechnischen Universität in Sankt Petersburg. Neben Deutsch und Russisch spricht er auch Spanisch und Englisch.

 

Hinterlasse einen Kommentar!

avatar
wpDiscuz