Thomas FasbenderVon

Ein diffuses Gefühl der Veränderung geht durch die Welt. Gewissheiten erodieren, Ängste wachsen. Etwa vor gravierenden Umweltveränderungen. Vor Kultur- und Zivilisationsabbrüchen. Unter welchen Bedingungen werden unsere Enkel leben? Auch die Gewissheit vom Fortschritt, der die Welt verbessert, ist dahin. Oder die von der Überlegenheit der europäischen Zivilisation. Resultat aus Jahrhunderten und plötzlich Illusion. Gerade in den nichteuropäischen, den nicht europäisch kolonisierten Ländern wird die Emanzipation vom europäischen Über-Ich von einer Generation auf die nächste mit Händen greifbar.

Stattdessen allenthalben die Sehnsucht nach Identität, nach Zugehörigkeit, nach Strukturen, die Vertrauen verdienen und Opfer rechtfertigen. Die zügellose Ego-Autonomie, die den „Progressiven“ hierzulande immer noch als Zielpunkt dient, begeistert nur eine kleine Minderheit.

Gebannt vom großen Vorbild Westen hat der türkische Reformer Kemal Atatürk sein Land vor fast 100 Jahren auf einen neuen Weg gebracht: Richtung Europa. Doch ebenso wie noch einmal 200 Jahre vor ihm der russische Zar Peter I. hat auch Atatürk niemals daran gedacht, aus seinem Land ein Stück Europa zu machen. Beiden ging es darum, ihrer Heimat die verlorene Ehre wiederzugeben. Es sind die Europäer, die aus blinder Selbstverliebtheit glauben, alle Menschen, wenn man sie nur ließe, würden so sein wollen wie sie.

Die Sehnsucht nach Identität führt, unter anderem, zur Verführbarkeit durch Feindbilder – was wiederum den Eliten, die in Zeiten der Veränderung an der alten Ordnung hängen, zupass kommt. Feindbilder übertünchen Widersprüche, schaffen Zusammengehörigkeit und Stabilität, wo keine ist. Sie kommen in allen Variationen. Im Westen der expansive Russe, im Osten die aggressive NATO, in der Türkei die europäischen Faschisten und Türkenhasser, in Europa der terroristische, frauenschändende Islam.

Fünf Kaiserreiche sind vor rund hundert Jahren zerbrochen: China, Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich. Die gesamte Alte Welt. Der Umbruch, der sich gegenwärtig anbahnt, wird den Planeten nicht in dem Ausmaß erschüttern, wird keine großen, weltumspannenden Kriege auslösen. Nichtsdestotrotz bewegen gerade die Europäer, gewöhnt an Frieden, Wohlstand und vor allem Überlegenheit, sich völlig unvorbereitet darauf zu. Unstillbarer Migrationsdruck, kulturfremde Parallelwelten im Inneren, schroffe Ablehnung seitens der südlichen und östlichen Nachbarn – da braut sich was zusammen, dem kein europäischer Hochmut gewachsen sein wird.

 

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch "Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens" im Manuscriptum Verlag.

Die von ihm herausgegebenen "Deutsch-Russischen Wirtschaftsnachrichten" gingen 2016 in Ostexperte.de auf.

 

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