Thomas FasbenderVon

Noch bis zum 18. Februar amtiert der Bundespräsident, der es geschafft hat, seinem russischen Kollegen in fünf Jahren kein einziges Mal die Hand zu geben: Joachim Gauck. Gründe dafür fanden sich genug. Anfangs exekutierten die Russen ihre Demokratie nicht so, wie wir ihnen das beigebracht hatten, dann wehrten sie sich gegen die westliche Strategie in der Ukraine, und schließlich, das war wirklich die Höhe, arrangierten sie den Anschluss – mit wehenden Fahnen! – der Krim an das alte Mutterland.

Gaucks Begegnungsverweigerungen begannen kurz nach seinem Amtsantritt, als er 2012 nicht zur Eröffnungsfeier des Deutsch-Russischen Jahres nach Moskau fuhr. Außer Enttäuschungen hat sein konsequenter Liebesentzug nichts bewirkt. Doch Wirkungen sind Gesinnungsethikern ohnehin verdächtig. Ihr Streben richtet sich auf das eigene Angesicht. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Moralischste im ganzen Land?

Den Wettbewerb hat Gauck gewonnen, und sei’s drum. Der Präsident tritt ab, er kann gehen. Was wird der Neue bringen, der dem Kremlfürsten oft genug die Hand geschüttelt hat? Aus Moskau kamen die Glückwünsche schon eine Stunde nach der Wahl. Dass Steinmeier auf der völkerrechtlichen Problematik der Causa Krim beharren wird, davon gehen auch die Russen aus. Dass er genau weiß, wie sinnlos die Sanktionen sind, davon dürfen wir ausgehen. Aber das werden alles nicht mehr seine Themen sein.

Je bewegter die Zeiten (und die Zeiten sind bewegt), desto mehr sind die Politiker ins Kleinklein der Krisenbewältigung eingespannt. Kanzlerin und Außenminister haben gar keine Zeit, sich mit historischen Perspektiven zu beschäftigen, die müssen Löcher stopfen und Schlimmeres verhindern, und das lastet sie voll aus.

Allenfalls der Präsident kann noch ab und an auf der Metaebene wandeln. Und die ist von enormer Bedeutung. Schließlich geht es bei den deutsch-russischen Beziehungen (wie bei allen anderen zwischen Völkern und Nationen) um ein über tausendjähriges Projekt, und Himmel auf Erden war noch nie, erst recht kein demokratischer.

Was das deutsch-russische Verhältnis jetzt braucht? Pragmatismus, Selbstbewusstsein und Bewusstsein der eigenen Interessen, Demut vor der Geschichte. Und vor allem das Verständnis, dass Europa mehr ist als die EU. Steinmeier ist zuzutrauen, dass er zumindest die richtige Richtung einschlägt. Und dabei vor allem seinen Vorgänger vergessen macht. Je eher je lieber.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch "Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens" im Manuscriptum Verlag.

Die von ihm herausgegebenen "Deutsch-Russischen Wirtschaftsnachrichten" gingen 2016 in Ostexperte.de auf.

 

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