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Gemischtes Doppel #31: Russlands Revanche

Heute ist der 15. März 2017, willkommen beim Gemischten Doppel. Diesmal Inga Pylypchuk (UA): Zum Eurovision Song Contest in Kiew schickt Russland eine Popsängerin im Rollstuhl. Doch wegen eines Auftritts auf der Krim könnte die Ukraine ihr die Einreise verwehren. Die Ukrainer stecken in der Klemme.

Von Inga Pylypchuk, n-ost


Erinnern Sie sich noch an den Eurovision Song Contest im letzten Jahr?

Die Stimmenauszählung im Finale geriet zu einem Duell der Ukraine und Russlands: Jamala gegen Sergej Lasarew. Den Sieg trug schließlich Jamala davon, die Krimtatarin aus der Ukraine, mit einem selbst komponierten Lied, in dem sie die stalinistische Deportation der Krimtataren 1944 besang.

Russland witterte eine Verschwörung

Lasarew landete damals auf Platz 3, nachdem ihn im letzten Moment noch die Australierin Dami Im überholt hatte. Russland fühlte sich angegriffen. Man witterte eine Verschwörung, vermutete einen technischen Fehler und menschliches Versagen zugleich. Der Sieg einer Frau von der Krim, die sich für die Ukraine entschieden hatte, war für die meisten Russen offensichtlich genauso schmerzvoll, als hätte die Ukraine die Krim zurückerobert.

Es war abzusehen, dass Russland sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würde, mit seinem Auftritt beim ESC in Kiew die Ukraine herauszufordern. Doch statt eines Militärchors, wie man im Netz schon seit einer Weile scherzhaft munkelte, schickt Russland nun im Mai dieses Jahres Julia Samojlowa nach Kiew.

Auftritt auf der Krim

Die 27-jährige Popsängerin sitzt seit ihrer Kindheit wegen einer genetischen Erkrankung im Rollstuhl. Und sie hat wohl 2015 mit einem Auftritt auf der Krim gegen ukrainisches Recht verstoßen. Nun soll ihr ein Einreiseverbot (wie in solchen Fällen üblich) oder eine Geldstrafe erteilt werden. Denn sie reiste damals aus Russland ohne Genehmigung der ukrainischen Grenzbehörden auf die annektierte Halbinsel.

Es gab keine öffentliche Abstimmung wie in vielen anderen Ländern, stattdessen hat der staatliche Sender „Perwyj Kanal“ die Wahl eigenständig getroffen. Das wiederum nährt Vermutungen, dass hinter der Wahl eine klare Strategie steht. Prompt strahlte der Kanal eine Sendung über Julia Samojlowa aus, in der sie erklärte, sie habe ihr Leben lang von einem Auftritt beim ESC geträumt. Die Zeitung „Argumenty i fakty“ nannte die Wahl von Samojlowa „einen Test auf Menschlichkeit“.

Herausforderung für die Ukraine

Eine durchschaubare Taktik: Wenn die Ukrainer der Sängerin die Einreise verwehren, zeigt das, dass sie kaltherzige Barbaren sind.

Die Wahl Samojlowas ist eine gesellschaftliche und juristische Herausforderung für die Ukrainer: Sie dürfen den Hass auf Putin und den Kriegsgegner Russland nicht an Samojlowa auslassen.

Vor allem darf ihre Behinderung nicht zum Argument gegen ihren Auftritt werden. Mitunter sind schon Bedenken zu hören, sie könnte allein schon dank ihres Rollstuhls Favoritin werden. Ein Passant in Kiew erklärte bei einer Straßenumfrage der Deutschen Welle: „Das ist unfair den anderen Teilnehmern gegenüber. Es gibt Olympische Spiele und es gibt Paralympische.“

Benachteiligung von Behinderten

Leider sind Menschen mit Behinderung in der Ukraine noch genauso benachteiligt und wenig präsent im öffentlichen Raum wie in Russland. Aber warum ist das nun überhaupt Thema, wer hat uns auf dieses Terrain geführt? Spätestens hier merken wir: Auch Behinderung kann für politische Manipulation missbraucht werden.

Jenseits dessen ist die Sachlage glasklar: Die Sängerin hat sich offensichtlich illegal auf dem Gebiet der Ukraine aufgehalten. Das muss geprüft werden. Uliana Pcholkina, eine ukrainische TV-Moderatorin, die selbst Rollstuhlfahrerin ist, forderte zurecht auf Facebook: „Wenn sie das Gesetz verletzt hat, darf sie wegen ihrer Behinderung keine Vorzugsbehandlung erhalten.“


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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Olesja Müller
Olesja Müller

Sehr geehrte Frau Pylypchuk!

Sie scheinen ja bestens über viele Problemen/Themen informiert zu sein. Jedoch wie ein roter Faden zieht sich durch Ihre einige Artikel die Voreingenommenheit und fehlende Neutralität. Schade!

Nehmen Sie sich doch ein Beispiel bei Ihrem Kollegen Herrn Thomas Fasbender (siehe sein Artikel “Auf beiden Seiten muss der Blutdruck runter”) und messen Sie sich den Blutdruck bevor Sie Ihre Artikel schreiben. Das würde sowohl Ihnen als auch den Leser zu Gute tun.

Beste Grüße
Olesja Müller

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