Thorsten GutmannVon

Russland: Zentralbank übernimmt Verwaltung von Jugra

Die Bank Jugra, die zu den 30 größten Banken Russlands gehört, befindet sich laut Zentralbank in einer „instabilen finanziellen Situation“. Deshalb hat sie am Montag drastische Maßnahmen ergriffen. Darüber berichtet die Wirtschaftszeitung Wedomosti.

Zum einen übernimmt die Russische Einlagensicherungsagentur (ASW) für ein halbes Jahr die Verwaltung von Jugra, zum anderen hat die Zentralbank ein dreimonatiges Moratorium gegenüber Gläubigern verhängt. Die gesamten Vermögenswerte der Bank werden auf 181,8 Mrd. Rubel geschätzt. Davon sind etwa 169,2 Mrd. Rubel (ca. 2,45 Mrd. Euro) bei ASW versichert.

Bei einer Insolvenz könnte Jugra zum größten Versicherungsfall in der Geschichte des russischen Banksektors werden. Nun errichtet ASW eine Interimsverwaltung, um die operative Kontrolle über die Aktivitäten der Bank zu erhalten und die finanzielle Situation zu analysieren. Spätestens nach sechs Monaten wollen die Zentralbank und ASW über die Zukunft der Bank entscheiden.

Umgehung von Zentralbank-Restriktionen

Laut dem Vizechef der russischen Zentralbank, Wassili Posdyschew, galt Jugra seit langer Zeit als Sorgenkind. Die Bank hätte falsche Angaben gemacht, so die Begründung. Im April 2016 hatte die Zentralbank das Einlagengeschäft von Jugra begrenzt – doch die Bank warb weiterhin für ihre Dienstleistungen. Auf die Bilanzen hatte all dies keinen Einfluss, wunderte sich Posdyschew.

Statt die Vorgaben der Zentralbank zu beachten, soll die Jugra-Bank Aktien an ihre Einleger vergeben haben. Der Grund für diese Maßnahme: Aktionäre waren von Restriktionen nicht betroffen. Auf diese Weise sei ein Schaden von geschätzt 1,88 Mrd. Rubel (ca. 27 Mio. Euro) entstanden. Dies habe die Zentralbank als „ziemlich ernstes Signal“ gewertet, so Posdyschew.

Kein Plan zur Stabilisierung der Finanzen

Nach Angaben der Zentralbank-Direktorin der Abteilung für Bankenaufsicht, Anna Orlenko, habe Jugra keinen Plan zur Stabilisierung der Finanzen vorlegen können. Im Laufe des Jahres hätte das Kreditinstitut zehn Empfehlungen der Zentralbank erhalten, um seine Geldreserven aufzustocken. Doch jene habe die Bank wiederum in Kredite umgewandelt, so Orlenko.

„Wenn die Summen nicht so bemerkenswert wären, gäbe es keinen Grund, eine Interimsverwaltung einzuführen“, fügte sie hinzu. Ebenfalls seien Auffälligkeiten bei der Vergabe von Darlehen im Bau-, Immobilien- und Ölsektor festgestellt worden. Der Mehrheitseigner der Bank, der russische Oligarch Alexei Chotin, will die vollständige Erholung der Bank unterstützen.

 

Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur von Ostexperte.de.

Zuvor war er Autor der Moskauer Deutschen Zeitung und Online-Redakteur der Berliner Zeitung und des Berliner Kuriers.

 

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