Thorsten GutmannVon

Exklusiv-Interview mit Öko-Beraterin Helena Drewes über Bio-Produktion in Russland

Die dänische Unternehmensberaterin und Öko-Expertin Helena Drewes spricht im Exklusiv-Interview mit Ostexperte.de über Bio-Produktion in Russland, die Qualitätsunterschiede zwischen russischen Molkereiwaren und Tipps zur Zubereitung von minderwertigen Fleischprodukten vom Markt.

Helena DrewesBio in RusslandZertifikate und Siegel
Helena Drewes ist eine dänische Unternehmensberaterin und Expertin auf dem Gebiet der ökologischen Landwirtschaft. Sie berät eine staatliche Bio-Farm in Kaluga und ist Gründerin des Consulting-Netzwerks „Organic Russia“, das russische Landwirte bei der Umstellung auf Öko-Produktion unterstützt

Sie veröffentlichte zudem das Buch „Sein oder Nicht-Sein“, in dem sie die Unterschiede zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft erklärt.

Bisher sind Bio-Produkte in Russland ein Luxusgut. Nach Informationen von Ekoconnect, einem Verein für Informationsaustausch über ökologischen Landbau in Mittel- und Osteuropa, schwanken die Preisunterschiede von konventionellen und ökologischen Produkten zwischen 150 bis 600 Prozent. Deshalb gelten Bio-Lebensmittel in Russland als Premium- und Eliteprodukte für eine Zielgruppe mit hohem Einkommen.
Es gibt kein Gesetz, dass die Bezeichnungen „bio“ oder „natürlich“ schützt. Deshalb ist das Marketing für Bio-Produkte schwierig. Allerdings gibt es auch in Russland Zertifizierungen für Bio-Produkte. Zu Vertretern dieser Bewegung gehört zum Beispiel die NGO Agrosofija mit Sitz in Moskau. Gemeinsam mit der Kontrollstelle Eco-Control hat sie das Öko-Siegel „Tschistyje Rossy“ (deutsch: „Reiner Tau“) ins Leben gerufen.

"Organischer" Wodka des Bio-Labels "Tschistyje Rossi" / www.lvzsaransk.ru

“Organischer” Wodka des Bio-Labels “Tschistyje Rossi” / www.lvzsaransk.ru

Frau Drewes, wir haben bereits 2014 über die Bio-Farm in Kaluga gesprochen. Sind Sie dort immer noch als Beraterin aktiv?

Ja, das bin ich. Wir haben inzwischen 2.000 Hektar Land zu ökologisch bepflanzten Feldern umgewandelt, die den EU-Normen entsprechen.

Wie groß ist die Farm insgesamt?

Insgesamt sollten wir ungefähr bei 10.000 Hektar sein. Aber das Projekt hat viele Facetten. Es geht nicht allein um Milcherzeugnis, sondern auch um die Verwaltung einer sogenannten “Educational Smart Farm”, die wir in diesem Jahr errichtet haben. Damit die Leute in Russland mehr über die Fruchtfolge und die grundlegenden Ideen des ökologischen Anbaus lernen können, haben wir dort Gemüse und einen Kräutergarten angepflanzt.

Gab es in den letzten Jahren Neuigkeiten, was Bio-Produktion in Russland angeht?

Ich muss leider sagen: Zu wenig. Im Februar 2016, glaube ich, hat Putin eine Rede gehalten, in der er sagte, dass Russland der größte Produzent von „biologichesky chisty produkty“ (deutsch: “biologisch saubere Produkte”) sei. Dies wurde in den Medien mit „ökologische Produkte“ übersetzt, was allerdings eine Übertreibung ist. Denn „ekologichesky chisty“ könnte auch einfach nur „saubere Produkte“ bedeuten. Was das betrifft, gibt es zwei große Herausforderungen in Russland: Die erste ist das Know-How, die andere ist Organisation im Allgemeinen. Diese zwei Punkte treffen auf den ökologischen Anbau natürlich umso mehr zu, weil er komplizierter ist als die herkömmliche Arbeitsweise. Daran muss gearbeitet werden, um ein starkes ökologisches System zu entwickeln. Die Menschen hier begreifen das allerdings immer mehr.

Woher kommt das Know-How?

“Die Deutschen sind gut darin, Erfahrungen auszutauschen. In Russland hat man noch Angst davor, die eigenen Tricks zu verraten.”

Das ist eine gute Frage. Die eigentliche Frage ist jedoch, wer für das Know-How bezahlen sollte. In Dänemark haben wir ein System, in dem alle Landwirte jeweils einen kleinen Geldbetrag einzahlen, dafür aber eine kostenfreie Beratung erhalten. Die Deutschen sind auch ziemlich gut darin, sich zu treffen, zu reden und Erfahrungen auszutauschen. In Russland ist das noch anders. Hier hat man Angst davor, die eigenen Tricks zu verraten.

Würden Sie Bio in Russland als Graswurzelbewegung bezeichnen?

Ja, das würde ich. Es gibt keine staatliche Regelungen. Es gab ein paar in diesem Jahr, ein paar Rahmenbedingungen, aber im Land weiß eben kaum einer, wie man mit ökologischem Anbau umzugehen hat. Es gibt auch erste Zertifikate. Es ist eine Art Anfang, aber letztlich nicht effektiv, weil niemand weiß, wie man die daran geknüpften Bedingungen erfüllen kann.

Wo würden Sie die Grenze ziehen zwischen sauberen Produkten und ökologischen Produkten?

“Eines der größten Probleme ist, dass in Russland jeder seine Produkte als ökologisch bezeichnen kann.”

Bei organischer Landwirtschaft gibt es Regeln und Zertifikate. Bei sauberem “Möchtegern-Grün” überlassen wir es den Produzenten, zu definieren, was sauber ist und was nicht. Für manche Leute ist es „sauber“, wenn man seinen Tieren keine Medizin gibt, was sehr schwierig ist, wenn man auf konventionelle Art Landwirtschaft betreibt. Für andere wiederum ist es eben nur ein Wort. Eines der größten Probleme ist, dass in Russland jeder seine Produkte als ökologisch bezeichnen kann. Wenn Sie in die Läden gehen, dann lesen Sie „Bio“, „ekologichesky chisty“, „organisch“ oder was auch immer. Ich habe auch gesehen, dass bei manchen Produkten das EU-Abzeichen mit dem grünen Blatt missbraucht wurde. Das war allerdings vor einem Jahr. Zuletzt ist mir das nicht mehr begegnet.

Bei welchen Produkten ist Ihnen ein gefälschtes EU-Zertifikat aufgefallen?

Bei Milchprodukten. Oft ist es aber auch eine Frage dessen, ob man dem Produzenten vertrauen will oder nicht. Es ist auch in Moskau möglich, sich gehaltvoll zu ernähren. Man kann zum Beispiel einfach mal auf den Markt gehen. Ich lebe in der Nähe vom Scheremetsewski-Markt. Da habe ich einen Ort, an dem ich ökologisch angebautes Gemüse und Milch von einer kleinen Molkerei kaufen kann.

Und was ist mit Fleisch?

Wenn Sie Fleisch vom Markt kaufen, müssen Sie wissen, wie man es kochen sollte. Wenn Sie beispielsweise in Podolsk leben, dann würde ich “Gowjadina” (deutsch: Rindfleisch) kaufen. Wichtig ist bei Fleisch vom Markt, dass Sie dem Gericht viel Zeit geben. Letztes Mal habe ich ein Stück gekauft und im Ofen bei 100 Grad für 10 Stunden schmoren lassen.

Wie ist die Qualität von Fleischprodukten im Supermarkt?

Bei Fleisch vom Markt muss man wissen, wie man damit umzugehen hat. Bei Fleisch im Supermarkt hingegen ist es problematischer, weil es von sehr schlechter Qualität ist. Die Tiere werden oft in einer Art und Weise geschlachtet, die Stress verursacht und das Fleisch dadurch zäh werden lässt.

Gilt dasselbe auch für Milch- und Käseprodukte?

Auch da ist es schwierig. Die billigste Milch kostet 50 Rubel oder weniger, während die teuerste mehr als 150 Rubel kosten kann. Wenn ich jedoch die Produkte vergleiche und die Parameter anschaue, dann ist da letztlich kein großer Unterschied von der Qualität her. Im Moment halte ich mich deshalb an Marken, von denen ich weiß, dass sie verhältnismäßig gut schmecken.

Viele Russen haben Datschen mit Obst- und Gemüsegärten. Gibt es überhaupt eine Nachfrage nach Bio-Produkten aus dem Supermarkt?

Es gibt für uns letztlich zwei große Zielgruppen: Zum einen Nerds, die all ihre Zeit beim Sport verbringen und großen Wert auf Details legen. Zum anderen erreichen wir Frauen mit höherer Bildung und Kindern, die viel über sich selbst nachdenken und sich um die zukünftigen Generationen sorgen. Unsere Klientel wächst hier in Russland genauso wie überall sonst auch.

Wer gehört nicht zu Ihrer Zielgruppe?

“Entweder die Leute nehmen sich die Zeit, Bio-Läden zu finden. Oder sie suchen eben im Internet.”

Leute, auf die wir es nicht abgesehen haben, sind alte Männer, die denken, dass alle Dinge so bleiben müssen wie sie sind und schon immer waren. Diese Männer können so laut sein, dass sie von sich selbst denken, die ganze Welt wäre ihrer Meinung. Aber das ist sie nicht. Diese Art von Mensch macht nur einen kleinen Teil aus und wird – wie ich denke – zusammen mit Trump aussterben. Die Frage für alle anderen ist, wo sie ihre Produkte kaufen können. So wie es jetzt noch aussieht, können sie nicht zum Supermarkt. Entweder sie nehmen sich die Zeit, entsprechende Läden zu finden, oder sie suchen eben im Internet. Im Netz etabliert sich eine ganz neue Sorte an Produkten, der die Leute vertrauen können und das auch tun.

Vielen Dank für das Interview, Frau Drewes.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.
Aus dem Englischen übersetzt von Patrick Volknant.

Fotoquelle

zVg

Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur von Ostexperte.de.

Zuvor war er Autor der Moskauer Deutschen Zeitung und Online-Redakteur der Berliner Zeitung und des Berliner Kuriers.

 

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