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Gemischtes Doppel #40: Kein besseres Russland


Liebe Leserinnen und Leser,
eigentlich ist die Ukraine ja das Spielfeld meiner Kollegin Inga Pylypchuk. Doch heute muss ich mal mit meinen Nachbarn ein ernstes Wörtchen reden.

Wie Sie seit gestern wissen (sollten), hat der ukrainische Präsident per Ukas №133/2017 eine ganze Reihe russischer Seiten verboten. Betroffen ist nicht nur das beliebteste soziale Netzwerk der Ukraine VK mit 12 Millionen Usern, sondern auch die Suchmaschine Yandex, samt Taxiruf, Staumeldungen und Filmsuche. Auch Virenbekämpfer wie Kaspersky und Russlands SAP-Pendant 1C, an das in der Ukraine 300.000 Unternehmen angeschlossen sind, stehen auf der Liste.

Angesichts des Verbotseifers frage ich mich, ob es nicht die Ukraine war, die sich gerade durch Demokratie und Freiheit von seinem östlichen Nachbarn abheben wollte? Hat Petro Poroschenko nicht vor wenigen Tagen noch gesagt, in der Ukraine herrsche ein noch nie dagewesenes Niveau an Pressefreiheit? Hatte man am Kiewer Maidan nicht gerade erst zum Eurovision Song Contest Plakate gespannt, auf denen stand, dass „freedom our religion“ sei?

Dabei hat die Ukraine in letzter Zeit schon mehrfach Stoff zum Grübeln geliefert.

So wurde soeben ein Student in Lwiw (Lemberg) zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er bei Facebook Lenin-Zitate und kommunistische Sprüche gepostet hat. Haftstrafen für Posts in sozialen Netzwerken? Das kennen wir doch irgendwoher… Richtig, Russland!

Dann machte der ukrainische Innenminister Arsen Awakow Witze darüber, dass der ukrainische Eurovision-Flitzer nach der Verhaftung seinen Hintern in der Zelle lieber nicht entblößen sollte. Awakow spielte damit auf (homo)sexuelle Übergriffe an, die in postsowjetischen Gefängnissen Alltag sind. Schmieriger Humor auf unterstem Putinniveau.

Womit wir endlich wieder bei Russland wären. Geradezu schadenfroh klangen die Kommentare einiger russischer Oppositioneller zu den jüngsten Nachrichten aus dem Nachbarland. Der Tenor: Die Ukrainer seien ja doch ein Brudervolk, wenn sie schon Methoden einsetzen, die in Russland längst niemanden mehr überraschen.

Darin schwingt auch Erleichterung darüber mit, dass im Nachbarland vieles nicht glatt läuft. Schließlich haben viele russische Regimekritiker während der jüngsten Revolution neidisch auf die Ukraine geschaut und sich gefragt, warum dort das klappt, was in Russland noch immer undenkbar ist. Nun kann die Opposition erleichtert aufatmen: Seht her, die können es ja auch nicht!

Ein Gutes hat die Sache dennoch.

Und zwar ist es der Abschied vom Mythos, der Ukraine obliege eine Verantwortung, mit gutem Beispiel voranzugehen, damit sich auch Russland irgendwann befreien kann. Besonders in der ersten Phase nach dem Euromaidan herrschte in Teilen von Russlands Opposition eine Vorstellung von der Ukraine als einem besseren Russland. Einer der Vordenker dieser Idee der Ukraine als „Betterussia“ war der kremlkritische Ökonom Wladislaw Inozemtsev.

Auch im Westen war und ist diese Lesart verbreitet. Putin fürchte eine erfolgreiche, demokratische Ukraine, weil das Beispiel ansteckend sein könnte. Nun erleben wir die Demontage dieses Mythos’.

Vor wenigen Tagen sagte Inozemtsev in einem Interview enttäuscht, dass Putin der ukrainischen Regierung dafür ein Verdienstkreuz verleihen sollte, dass sie die Reformen in den Sand setzt und so sein Regime stützt. Der Gedanke, Russlands Nachbar könnte das Land mitziehen, erweist sich als naiv. Die Ukraine hat ihren eigenen Weg und schuldet Russland nichts, schon gar keine Vorbildfunktion. Mit der Misere im eigenen Land müssen wir schon selber klarkommen.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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