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Kolumne: Gemischtes Doppel #36 – Silowiki und Slabowiki


Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie sich in den letzten Tagen auch mal gefragt, wo Tschetschenien eigentlich liegt? Dann war der Grund wohl einer dieser haarsträubenden Berichte aus der Republik im Nordkaukasus.

Die Moskauer „Nowaja Gaseta“ hatte geschrieben, dass Sicherheitskräfte regelrecht Jagd auf Homosexuelle in der streng muslimischen Teilregion Russlands machen. Dutzende wurden festgenommen, drei Männer sollen sogar getötet worden sein.

Schon am nächsten Tag hatten die Berichte ihren Weg in die internationale Presse gefunden. Was bei der Nowaja Gaseta fehlte – konkrete Erzählungen von Betroffenen – lieferten kurz darauf BBC und Meduza. Auch die bekannte Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina bestätigte die Berichte.

Keine Schwulen oder Lesben in Tschetschenien?

Nicht weniger skandalös waren die Reaktionen aus Tschetschenien. Während einer Versammlung in der größten Moschee der tschetschenischen Hauptstadt Grosny drohten Glaubensvertreter und Politiker der Moskauer Zeitung mit Vergeltung für die angeblich verleumderischen Berichte.

Verleumdung deshalb, weil es in Tschetschenien gar keine Schwulen und Lesben geben könne. Russischen Menschenrechtlern blieb nichts anderes, als den Betroffenen aus der Region bei ihrer Flucht zu helfen.

Nun ist das restliche Russland selbst alles andere als ein Paradies für Homosexuelle. Prominente Russen, die ein Coming-Out gewagt haben, gibt es kaum. Gesetze wie das Verbot der „Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ stigmatisieren Minderheiten zusätzlich. Doch im Verhältnis zu der traditionalistischen Gesellschaft Tschetscheniens lebt es sich dort ungleich freier. Eine Kluft, die sich mit den Jahren immer weiter vertieft.

Nicht Teil von Putins Machtvertikale

Wer allerdings glaubt, dass diese Kluft nur für angebliche Luxusprobleme wie den Schutz von Minderheiten gilt, der irrt. Die Nowaja Gaseta wandte sich an die Behörden, um angesichts der Drohungen Schutz zu bekommen. Doch was können diese Behörden tun?

Erst vor wenigen Tagen erinnerte ebenfalls die Nowaja Gaseta daran, wie machtlos die Ermittler im Fall des ermordeten Regimekritikers Boris Nemzow agieren. Die Spuren führen ziemlich eindeutig ins direkte Umfeld des tschetschenischen Herrschers Ramsan Kadyrow. Im Angesicht ihrer tschetschenischen Gegenspieler mutierten Russlands Silowiki (abgeleitet von sila=Kraft), zu Slabowiki (slaby=schwach), den Machtlosen, so die Nowaja Gaseta.

Denn Kadyrow ist nicht irgendein Gouverneur. Er ist nicht Teil von Putins Machtvertikale. Diese bedeutet, dass der Kreml die Behörden auf föderaler Ebene steuert, die Bundesbehörden wiederum bestimmen auf regionaler Ebene.

Der Kreml braucht Kadyrow

Kadyrow dagegen hat fast als einziger Gouverneur im Land einen direkten Draht zu Putin. Er kann es sich leisten, Geheimdienstler und Ermittler aus dem Zentrum zu ignorieren, er verfügt über Tausende bewaffnete Kämpfer, die er auf Putins Geheiß in den Kampf schicken kann.

Und wenn Putins Sprecher Dmitrij Peskow auf zynische Art Schwulen oder Journalisten rät, sich doch bitte an die zuständigen Gerichte zu wenden, sollte es zu Verstößen gekommen sein, dann liegt das nicht nur daran, dass Menschenrechte den Herren im Kreml egal sind. Es liegt auch daran, dass sie wissen: Sie brauchen Kadyrow, um den formellen Verbleib Tschetscheniens in der Föderation zu garantieren.

Persönliche Loyalitäten

Für die Zukunft der russischen Föderation verheißt es nichts Gutes, wenn staatliche Strukturen auf reinen persönlichen Loyalitäten beruhen. Erst gestern antwortete Russlands bekanntester Oppositioneller Alexej Nawalny in einem Interview, er würde als Präsident Kadyrow genauso behandeln wie jeden anderen Gouverneur auch. Zunächst aber sollte gegen ihn im Falle des Mordes an Nemzow ermittelt werden.

Doch wenn schon der heutige Geheimdienst sich am tschetschenischen Herrscher die Zähne ausbeißt, was sollen die Behörden in einem weniger zentralistischen und autoritären Russland tun? Womöglich stellen sich dann nicht nur außerhalb Russlands viele Menschen die Frage, wo Tschetschenien eigentlich liegt. Beziehungsweise zu welchem Land es eigentlich gehört.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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